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Artikel aus 2004

Radio barrierefrei
Die Zugänglichkeit des Mediums Radio für Menschen mit verschiedenen Behinderungen und die Verschmelzung zu einem neuen Medium

GERHARD WAGNER


Radio ist das ideale Medium für blinde Hörer, aber es ist nicht barrierefrei für gehörlose Interessierte. In diesem Artikel wird skizziert, welche technischen Möglichkeiten und Initiativen es gibt, aus dem »alten« Medium Radio ein barrierefreies neues Medium zu machen.



EINLEITUNG: IST DAS RADIO WIRKLICH BARRIEREFREI?


Das Radio hören wir. Daher ist es für Menschen, die besonders auf den Hörsinn angewiesen sind, das barrierefreie Medium schlechthin. Besonders für Menschen mit Leseschwäche oder für blinde Hörer bietet es sohin die Möglichkeit, Informationen barrierefrei zugänglich zu machen.

Auch für den Alltag von nicht behinderten Personen bringt das Vorteile. Wir nutzen das Radio bei Tätigkeiten, in denen unser Sehsinn anderweitig in Anspruch genommen ist, etwa beim Autofahren oder bei der Hausarbeit.

Doch das Radio spricht eben ausschließlich den Hörsinn an. Menschen, die nicht hören, finden daher auch keinen Zugang, deshalb ist das Radio für Menschen, die nicht oder schlecht hören absolut nicht barrierefrei - im Gegensatz zum Fernsehen, das nach dem Zwei-Sinne-Prinzip funktioniert (Sehen und Hören).
In diesem Sinn ist das Radio ebensowenig ein barrierefreies Medium wie der Stummfilm, das Plakat oder die Zeitung (die nach dem Ein-Sinn-Prinzip funktionieren).

DAS »NEUE« MEDIUM RADIO


Im Rahmen eines Seminars über »neue Medien« im Rahmen der universitären LehrerInnenbildung leite ich bereits seit zwei Semestern die Projektgruppe »Radio«. Die Studierenden sprechen dann anfangs oft vom »alten« Medium Radio, vor allem im Vergleich mit den neuen Medien.
Doch das Radio hat sich in den letzten Jahrzehnten gehörig gewandelt!
Das Internetradio ist nur ein Beispiel der Verknüpfung von neuem und altem Medium.
Diese Entwicklung eröffnet neue Perspektiven für alle User: Durch die Vielfalt des Internet ist nun auch der Zugang für hörbehinderte Menschen möglich:
Auf ihrer Homepage bieten viele Radiosender Transkriptionen oder zumindest kurze schriftliche Zusammenfassungen an (manche sogar auch vereinfachte Texte für Menschen mit Lernschwierigkeiten - vgl. die Rubrik »Leichter Lesen«: http://freak-radio.at/cgi-bin/freak.cgi?s=dlist&r=ll) . Dadurch werden die Inhalte der Sendungen auch den gehörlosen und lernbehinderten Interessierten zugänglich, das Radio wird in diesem Sinn »barrierefrei«.

Die Entwicklung kann schon jetzt vom technischen Standard noch weiter gehen: Die Satelliten-Radioprogramme, die über den Fernseher oder eventuell über den Computer empfangen werden können, verfügen über eine Textspalte, die derzeit nur dazu genutzt wird, um die aktuellen Sendungen anzukündigen. Theoretisch wäre es auch möglich, eine Untertitelung von Radiosendungen für gehörlose Menschen in Echtzeit durchzuführen!

Das alte Medium Radio hat sich also sehr verändert: Es ist durch die Verknüpfungsmöglichkeiten im weltweiten Web nicht nur weitgehend barrierefrei geworden, es bietet auch die Möglichkeit, eine wechselseitige Kommunikation zu initiieren und durch MP3-Angebote »on demand« von der zeitgebundenen Sendestruktur des Radios unabhängiger zu werden.

BARRIEREFREI: HÖREN STATT LESEN


Besonders blinde Menschen oder Menschen mit Leseschwäche schätzen die Möglichkeiten des Radios, was Wissensvermittlung betrifft.

Durch das Radio werden blinde Menschen zu gleichberechtigten Rezipienten, die durch die Schärfung ihres Hörsinns sogar einen leichten Vorteil gegenüber anderen Hörern haben. Anders als das Fernsehen, das zwar viele, aber eben nicht alle Informationen über den Hörsinn zugänglich macht, finden sich blinde Menschen im Radio besonders gut zurecht.

Deshalb gibt es von Blindenorganisationen spezielle Angebote in Textfassung. Auch in Österreich werden Informationen auf Tonträgern angeboten (vgl: http://www.kompakt.eu.com), in anderen Staaten werden Informationen aus Zeitungen, Zeitschriften, Büchern etc. über eigene Radiostationen angeboten. Auch hier ist der Nutzen nicht nur für blinde Menschen gegeben, sondern etwa auch für Berufsfahrer und andere Gruppen, die bei der Arbeit akustische Informationen aufnehmen können.

In den USA gibt es solche speziellen Radios seit den späten 70er-Jahren, etwa »Sun Sounds of Arizona«, das seit 1979 mit der Veröffentlichung von Druck-Texten begonnen hat und heute über Satelliten, das Web, Radio und Telefon seine Leistungen für mittlerweile 32.000 Hörer anbietet.

Ähnlich strahlt seit 1982 »WRBH Reading Radio for the Blind and Print Handicapped« in der Umgebung von New Orleans auf 88.3 FM Texte aus, die vom geschriebenen Text in gesprochenes Wort umgewandelt werden. Ausdrücklich wird hier im Namen des Radios auch auf Personen mit Leseschwäche verwiesen. Mittlerweile lesen mehr als 100 Freiwillige rund um die Uhr Texte im Radio vor.

Auch in Neuseeland gibt es solch ein Radioprojekt. In Neuseeland, wo nach eigenen Angaben eine Million Einwohner Nichtleser (»non readers«) sind, sendet auf 1602 AM oder 107.3 LPFM »RRS - Radio Reading Service« rund um die Uhr.

Verwandte Radio Reading Services gibt es auch in Australien und Kanada.

BARRIEREFREIHEIT FÜR RADIOJOURNALISTEN?


Während in Österreich im öffentlich-rechtlichen Radio (und auch im Fernsehen) Redakteure mit Behinderung nicht wahrgenommen werden - wobei die Situation in anderen Europäischen Staaten unwesentlich besser ist - hat nicht zufällig Südafrika nach dem Ende der Apartheid 1990 mit Rhulani Baloyi eine blinde Nachrichtensprecherin, die sowohl im Rundfunk als auch im Fernsehen arbeitet - ähnlich wie auch Peter White in Großbritannien.

Seit 1995 gibt es auch in Indien durch den »People With Disabilities Act« Fortschritte beim Zugang für behinderte Journalisten und ein »Cross-Disability Magazin«

In den westlichen Staaten ist das anders: Die Sprecher werden immer mehr auf Mainstream und Jugendlichkeit gestylt, behinderte Menschen passen da nicht ins Bild. »Die Leute wollen das nicht«, heißt es meist stereotyp und ungeprüft.

Doch die Barrieren in den Köpfen der Radiostationen sind nicht die einzigen Hindernisse: Auch die journalistische Ausbildungssitation an Universitäten, Lehrgängen, ja sogar in den Radiostationen ist in den meisten Fällen nicht barrierefrei. Oft gibt es nicht einmal einen direkten barrierefreien Zugang zu Studios. So wurde etwa die barrierefreie Rampe ins ORF-Funkhaus Argentinierstraße (Wien) erst im Dezember 2002 eröffnet - und das erst nach massiven Interventionen des Behindertenaktivisten Pepo Meia im »Licht-ins-Dunkel«-Jubiläumsjahr!

»PressWise Trust« in England weist nach, dass es in der Ausbildung noch einen repräsentativen Querschnitt von behinderten Studierenden gibt, die aber nur als sehr kleine Minderheit verbleiben (http://www.presswise.org.uk/print.php?id=608)

Die räumliche Zugänglichkeit ist allerdings nicht die einzige Barriere-Möglichkeit: Während die alten Tonbandmaschinen mit ihrer Schnitt-Technik auch für blinde Menschen gut zu bedienen waren, sind viele moderne digitale Schnittprogramme, die des Bildschirms bedürfen, nicht zugänglich. Braille-Zeile oder Sprachausgabe fehlen in den allermeisten Radio-Stationen, daher ist auch die Technik nicht verwendbar. Tatsächlich haben einige blinde Pioniere für sich Programme so adaptiert, dass sie darauf ihre Sendungen professionell schneiden können. (Etwa George Nussbaumer, der für Antenne Vorarlberg arbeitet).
Auch Radiomacher mit Bewegungsbehinderung können mit Sprachausgabe und spezieller Maus durchaus selbst ihre Radiosendungen schneiden und bearbeiten.

Ein Problem ist, dass vielen Menschen mit Behinderungen die Erstellung von Sendungen prinzipiell nicht zugetraut wird, weil die barrierefreien Zugänge und Routinen von der Bedienung des Aufnahmegeräts bis zur eigenen Moderation und Endbearbeitung oft erst individuell gefunden werden müssen. Ein Europäisches Gleichstellungs- oder Antidiskriminierungsrecht sollte in diesen Fällen Fortschritte bringen.

BARRIERREFREIE INFORMATION


Die Haupt-Barrieren sind in den Köpfen: Weil man keine Journalisten mit Behinderung kennt, traut man den meisten angehenden behinderten Journalisten eine Tätigkeit im Radio auch nicht zu.

Eine Ausnahme bilden hier freie Radiosender oder Minderheitenprogramme. 1997 hat der ORF durch die Wiedereröffnung des Mittelwellensenders erstmals auch behinderten Radiojournalisten eine Sendungsmöglichkeit gegeben. Unbezahlt senden seitdem auf »Freak-Radio« von Wien aus behinderte und nicht behinderte Journalisten. 2002 kam von Graz aus auch noch »Blind-TV« dazu.

Erstmals können also auch Journalistinnen und Journalisten mit unterschiedlichen Behinderungen einen Beweis ihres Könnens abgeben. Durch die Einschränkungen der Mittelwelle, durch die Einschränkung des Themenschwerpunkts (nämlich auf das Umfeld von Menschen mit Behinderung) und durch das Desinteresse der anderen Redaktionen bleiben die Aktivitäten weitgehend unbemerkt. Die Vernetzungsmöglichkeiten im Internet allerdings haben zu einer Bekanntheits-Steigerung geführt. Dennoch ist es nicht absehbar, dass in naher Zukunft in Radiostationen und -redaktionen, die großteils nicht einmal zugänglich sind, der Anteil von Menschen mit Behinderungen wesentlich erhöht werden wird.

So sehr für den Bekanntheitsgrad von Spartensendungen die Beschränkung auf das Thema »Behinderung« ein Nachteil ist, so sehr ist es ein Vorteil für interessierte Hörer und Hörerinnen: Denn hier sprechen Expertinnen und Experten in eigener Sache, die sonst von den relativ unwissenden nicht behinderten Redakteuren oft nicht einmal in den Beiträgen als Betroffene zu Wort kommen. Durch die Mitwirkung von behinderten Redakteuren ergeben sich neue Perspektiven, neue und ungewohnte Einblicke und auch Netzwerke von Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen.

Diese neue Sicht, meist geprägt von Selbstbestimmt-Leben-Initiativen, ist für das Selbstbewusstsein der Communitiy ein wichtiger Faktor. Ähnlich wie in Österreich gibt es auch in Deutschland solche Initiativen. Eine der bekanntesten ist etwa das Internet-Radio »Radio4Handicaps« (http://www.radio4handicaps.de) oder Radio Handicap, das einmal pro Monat in Nürnberg auf 98,5 FM sendet und (nach eigenen Angaben) rund 1,2 Millionen Hörer erreicht.

Ein besonderes Beispiel ist »Radio Grenzenloos« aus den Niederlanden (http://members.home.nl/will.verheijen/duits.htm), das von Menschen mit Lernschwierigkeiten gestaltet wird.

ZUSAMMENFASSUNG:


Das Medium Radio ist für blinde Hörer ein ideales Medium, das allerdings gehörlosen Interessierten versperrt ist. Der technische Fortschritt, die Digitalisierung und Verknüpfung von Bild-, Schrift- und Tonmedium erleichtern allerdings den barrierefreien Zugang.

Praktisch gibt es für Menschen mit Behinderung weder einen personellen noch einen inhaltlichen Zugang zum Medium Radio - etwa nach dem Motto »Nothing about us without us!«. Die Ausnahme bilden freie Sendestationen, für die in der Regel ehrenamtlich gearbeitet wird.

Staatliche Fördermaßnahmen werden am ehesten über Gleichstellungsgesetze gewährleistet. Der wichtigste Zugang ist der inhaltliche und personelle: Menschen mit Behinderungen müssen die Möglichkeit haben, in den Sendungen zu Wort zu kommen und ihre Sicht einzubringen. Hier haben die Selbstvertretungsorganisationen schon einiges erreicht, wenngleich auch die breite Masse der Radiohörer noch niemals Radiomacher mit Behinderung wahrgenommen hat - zumindest nicht in Österreich.

 
ZUR PERSON


Bild von Gerhard Wagner Mag. Gerhard Wagner ist seit 1993 Chefredakteur und Herausgeber des Bildungsmagazins DIDAKTIK sowie von DIDAKTIK-Online und verantwortlich für die inhaltliche Konzeption von didaktik-on.net.

Er hat an zahlreichen bildungswissenschaftlichen, didaktischen und sozialwissenschaftlichen Projekten, unter anderem als Projektleiter, mitgearbeitet.

Gerhard Wagner war in verschiedenen Kommissionen der Universität Wien Mitglied und später zunächst als Tutor, dann von 2004 bis 2009 als Studienassistent am Institut für die schulpraktische Ausbildung tätig (seit 2005 Teil des Instituts für Bildungswissenschaft an der Universität Wien). Bis 2011 ist er für die Universität Wien Projektmitarbeiter im von der EU geförderten Projekt »Hook up!«, an dem zehn europäische Universitäten eine Sprachlernplattform für Austauschstudierende erstellen.

Seit 2011 unterrichtet er, zunächst an einer AHS in Niederösterreich, jetzt in Wien, Deutsch, Deutsch als Zweitsprache sowie Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung.

Des weiteren ist Gerhard Wagner Mitarbeiter der integrativen Redaktion von Freak-Radio und Chefredakteur von Freak-Online. In beiden Redaktionen erarbeiten Menschen mit und ohne Behinderung Informationen über behinderte Menschen.
-> http://freak-online.at
-> https://www.facebook.com/gerhard.wagner1/about?section=bio


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Weitere geplante Themen bis 2013:
● »kompetenz-orientierte Standards«
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Artikel werden gerne ange- nommen. Die Veröffentlichung bleibt der Redaktion und dem wissen- schaftlichen Beirat vor- behalten...
 
 
 
 
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