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Artikel aus 1999

Die Aufarbeitung eigener "Schulgeschichte":
Fallgeschichten zur Rekonstruktion eigener Identität
Methode: Erzählen, Rollenspiel, narrative Interviews

BRIGITTE BÜNKER


»Ein einziger, wirklich analysierter Fall eines pädagogischen Verhaltens ... hat für die Theorie der Pädagogik mehr wissenschaftlichen Wert als ein ganzes Heer statistischer Angaben über das Zusammenbestehen von Merkmalen und Reaktionsweisen.« (Richard Hönigswald 1924)



Initial H
ier gehen wir von der Annahme aus, dass jede/r Lehrende in der Begegnung mit den Schüler/innen im pädagogischen Prozess unmittelbar auf sich selbst und seine Persönlichkeit zurückgeworfen wird. Er steht unter einem fortwährenden Entscheidungs- und Handlungsdruck. Schüler erwarten eine Art »pädagogische Führungsqualität«. Die nun zu treffenden Entscheidungen sind zu einem Großteil auch vom eigenen Identitätskonzept mitbestimmt.

Sich dieses klar und bewusst(er) zu machen ist meines Erachtens eine wichtige Leistung jeder/s Lehrenden. Ein Seitenstrang der pädagogischen Forschung befasst sich mit »narrativer Pädagogik«. Ausgangspunkt der Forschung ist die Biographie der Lehrenden, die Selbstdarstellung ihres beruflichen/persönlichen Werdeganges. In einer solchen Selbstdarstellung versprachlicht sich Identität.

Freilich ist die Perspektive eine rein subjektive, dennoch erhalte ich bei dieser Art der Selbstauslegung Auskunft über mich selbst und kann eventuell beginnen, an den mir bewusst gewordenen problematischen Aspekten meiner Person zu arbeiten. Dieses Nachdenken über sich und den eigenen Unterricht sollte wenn möglich systematisch, eventuell unter Anleitung betrieben werden. Eine gesteigerte Selbstreflexivität spielt im Prozess der Professionalisierung von Lehrerinnen und Lehrern eine zentrale Rolle: Mein unterrichtlicher 'Output' ist nämlich nicht unbedingt nur abhängig von einer guten Vorbereitung ('input') und einem routinemäßigen Beherrschaen von bestimmten methodischen Skills oder didaktischen »Zuckerln«, auch nicht n u r von den Personkomponenten!

Vieles im lebendigen System Unterricht ist nämlich nicht berechenbar nur begrenzt planbar: Wie reagiere ich in angemessener Weise auf Unvorhergesehenes, auch z.B. im Bereich der Lehrer-Schüler-Beziehungen? Wie setze ich die im jeweiligen Lernfeld tatsächlich relevanten Unterrichtsprozesse in Gang, wie steure ich sie und wie hole ich mir ein Feedback? Die Routine verschafft mir Erfahrungen, einen größeren Überblick, mehr Distanz und ermöglicht ein sicheres Entscheiden. Gründliche Reflexion von Erfahrungen intensiviert aufgrund der persönlichen Theoriebildung die zukünftige Handlungsbereitschaft und Handlungsfähigkeit.

Die Vorformen der »erzählenden« (eigentlich auf selbstreflektierenden) Pädagogik sind im psychoanalytischen Gespräch, z.B. in Freuds Krankengeschichten und in der historisch-sozialwissenschaftlichen Methode der »oral history« zu suchen. Beim Erzählen von Fallgeschichten wird symbolhaft Identität gestiftet d.h. die eigene Lebensgeschichte kann rekonstruiert und in einen Sinnzusammenhang gebracht werden, - eine lebenswerte Orientierung in der Vielheit der Erfahrung, das ist denn auch Identität.

Diesen narrativer Ansatz hat bereits E. Erikson bei der Erforschung der Lebensgeschichten seiner Studierenden gewählt: Beim Erzählen der Biographie wird versucht, die jeweilis einseitige Betonung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu integrieren. Zugleich stellt sich Erikson die Frage, »wohin seine Informanten von hier aus weitergehen wolten und wer ihren Weg teilen sollte«, d.h. wie sie ihre individuelle Geschichte in die Zukunft hinein weitererzählen würden. (E. ERIKSON, 1959/89)

WARUM UND WELCHE FALLGESCHICHTEN IN DER STUDIENEINGANGSPHASE?


Dass man nicht zwingend sämtliche Erfahrungen selbst machen muss, sondern auch im Zusammenhang mit erzählten Erfahrungen anderer, also eigentlich aus phantasierten Situationen, Selbsterkenntnis und Handlungswissen gewinnen kann, zeigen die Fallgeschichten einzelner, ihre Umsetzung im Rollenspiel und die Reflexion der szenischen Umsetzung, der Art und Weise, wie die eigene »Rolle« übernommen und interpretiert wurde.

Denn jede sich selbst oder mit Hilfe anderer bewusst gemachte und versprachlichte Reflexion stärkt die eigene Präsenz, bringt ein Mehr an Handlungskompentenz und Bestimmtheit.

Welche Ereignisse möchten wir für die Lehramtsstudierenden der ersten Semester zum Gegenstand der Erinnerung, und damit zum pädagogischen Anlass für die Gruppe machen?
Zu einem »Fall« wird immer die Berufswahlentscheidung:

»Warum und zu welchem zukünftigen Zweck haben Sie das Lehramtsstudium gewählt?«
sowie das Erinneren des Befindens während der eigenen Schulzeit:

Aufgaben:
Schildern Sie

a) eine Begebenheit, in der Ihnen Schule als schön und wichtig, für ihre persönliche Entwicklung förderlich, für ihre Leben - auch unter dem Aspekt des hic et nunc - bereichernd war.
b) eine Begebenheit, in der Sie Schule als unwichtig, bedrohlich für ihre Persönlichkeitsentwicklung, hassenswert oder ähnlich erlebt haben. (nach THONHAUSER 1996)

Je nach subjektiver Bedeutsamkeit wählen die Studierenden aus der erinnerten Ereignisfülle ihren Wirktlichkeitsauschnitt und machen ihn zum »Fall«:
Im anschließenden Analysegespräch versuchen die anderen Gruppenmitglieder durch gezieltes Nachfragen das Problem für sich fassbar zu machen bzw. es zu klären, zu vertiefen oder zu erweitern. Ratschläge, Kritik, Suggestivfragen und Interpretation sollen dabei vermieden werden, auch sollte das Gespräch nicht »therapeutisch« werden (niemand von uns hat eine psychoanalytische Ausildung!)
Mit der Bitte um ein Beispiel, um eine Illustration kann die Problemsituation beim Nachfragen konkretisiert werden. Das Nachfragen erhellt weiters den subjektiven gedanklichen Hintergrund (die eigene Theorie...) des Erzählenden wie des Fragenden, es erweitert die Problemsicht. (vgl. ALTRICHTER/POSCH 1990)
Jürgen Habermas bringt den narrativen Charakter des Identitätskonzeptes auch in einen Zusammenhang mit der Sozialforschung:
Er richtet an die Forschung die Forderung nach »Allgemeiner Interpretation« - sie darf die Ebene der narrativen Darstellung nicht verlassen, muss aber doch den Bann des Historischen brechen: »Sie hat die Form der Erzählung, weil sie Subjekten dazu dienen soll, die eigene Lebensgeschichte in narrativer Form zu rekonstruieren: aber sie kann nur Folie für viele solcher Erzählungen sein, weil sie nicht nur für einen individuellen Fall gelten soll.
(Jürgen HABERNMAS 1968)
Dieser intersubjektive Konsens gilt für Habermas als Wahrheitskriterium!

Das genaue Hinschauen auf das, «was ist» (in der Erzählung, im Rollenspiel) klärt beispielsweise die Motivationslage zum Lehramtsstudium, manche Problematik nicht nur beim Erzähler, sondern auch beim Nachfragenden, weiters bietet es Entlastung oder sogar bisher nicht wahrgenommene Lösungsansätze und Hinweise auf alternative Handlungsstrategien.
Auch der Nicht-Betroffene kann Teile der «Fallgeschichte» und ihrer Aufarbeitung als Theoriewissen mit in seine Lebenspraxis nehmen und verfügt so über mehrere Handlungsmuster, die ihm im Bedarfsfall als Handlungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Dieses Theoriewissen, das durchaus generalisierungsfähig ist, gestattet bewussteres und überlegteres Handeln, Gestalten und Intervenieren und trägt zur Stärkung der selbstreflexiven Kompetenz bei. Schließlich bedeutet mehr Ich-Kompetenz größere Entscheidungssichterheit!

WARUM «FALLGESCHICHTEN» IM PROJEKTSTUDIUM?


sie helfen, den Wert eigener Erfahrungen zu entdecken
sie sensibilisieren für den schulischen Alltag und den Alltag im Lehramtstuium an der Universtiät
sie sind Anlass, die eigene Lern- und Schul- und Studiengeschichte zu rekonstruieren

LITERATUR


Herbert ALTRICHTER/Peter POSCH (1990): Lehrer erforschen ihren Unterricht. Eine Einführung in die Methoden der Aktionsforschung; Bad Heillbrunn/Obb. Klinkhardt

Erik H. ERIKSON (1959, 11/1989): Identität und Lebenszyklus. Frankfurt/Main: Suhrkamp

Gertrude HIRSCH (1990): Biographie und Identität des Lehrers. Eine typologische Studie über den Zusammenhang von Berufserfahrungen und beruflichem Selbstverständnis. Weinheim, München: Juventa

Jürgen HABERNMAS (1968): Erkenntnis und Interesse, Frankfurt

Michael SCHRATZ, Josef THONHAUSER (Hrsg.), (1996): Arbeit mit pädagogischen Fallgeschichten. (=Studien zur Bildungsforschung und bildungspolitik. Bd.12) Innsbruck, Wien: Studien Verlag

 
ZUR PERSON


Bild von Brigitte Bünker Mag. Brigitte BÜNKER ist stv. Chefredakteurin und Fachbereichsredakteurin für den Schulbereich und die Lehrer/innenbildung in Wien.
Sie ist AHS-Lehrerin für Deutsch und Geschichte und war langjährige Mitarbeiterin an der Abteilung für LehrerInnenbildung und Professionalisierungsforschung des Instituts für Bildungswissenschaft (Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien); Lehrbeauftragte der Universität Wien für Fachdidaktik Geschichte


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