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Artikel aus 1999

Lehramts-Studieneingangsphase
Exkursionen an Schulen und Bildungseinrichtungen

GERHARD WAGNER


Studieneingangsphasen sind ein neues Stichwort an der Universität. Sie sollen einerseits der Orientierung dienen, ob die Studierenden das richtige Studium gewählt haben - und andererseits einen reflektierenden Einblick in Studium und Beruf bieten. Im Lehramt ist dies absolut neu. Derzeit werden mehrere Möglichkeiten ausprobiert. Eines dieser Modelle wird hier vorgestellt.



Initial E
in kalter Novembermorgen 1997: eine Gruppe mehr oder weniger verschlafenen Lehramtsstudierenden macht sich auf den noch ungewissen Weg von der Bahn aus Wien zum Gymnasium Biondekgasse in Baden. Niemand kennt den Weg so richtig. Gewiss ist nur, dass einer der Betreuungslehrer (1) an dieser Schule unterrichtet und bereitstehen wird. Von der Schule selbst ist noch nicht sehr viel bekannt, außer dem, was über den tragischen Unfall einiger Schüler auf der Westautobahn wenige Tage zuvor in den Medien zu erfahren war.
Bereits eine Stunde danach erkunden Kleingruppen von Studierenden die gesamte Schule und holen Informationen zu den Themen »Bereiche pädagogischen Handelns«, »Anforderungsprofil für Lehrer und Erwartungen verschiedener In stanzen« sowie »Organisationsstruktur, Funktionalität, Probleme« ein.
Wohl selten ist es möglich, in einem derart freien Ausmaß die Welt einer Schule zu erforschen. Es war gestattet, den Unterricht zu besuchen, verschiedenste Gremien (einschließlich den Buffettbetreibern, Direktorin, Administration, Externistenprüfer...) zu befragen sowie sich frei im - teils im Umbau befindlichen - Schulhaus auf zuhalten, um sich in Gruppen ein Bild von verschiedenen Aspekten der Schule zu erarbeiten. Vor der Mittagspause präsentierte jede Gruppe ihre Ergebnisse, und es war erstaunlich, welch interessante Details beobachtet wurden: durch gemeinsame Beobachtungen und Recherchen wurde auch etwas vom Schulprofil deutlich.
Besonders berührt waren die meisten von der Form, wie viele der Schülerinnen und Schüler mit dem Unfalltod ihrer Kollegen umgingen: In einer Ecke der Haupttreppe bei der Aula brannten Kerzen, lag ein Kondolenzbuch auf, klebten vor allem viele Zettel, in denen die Mitschüler ihre Trauer und Betroffenheit in Zeichnungen, Gedichten und auf vielfältige andere Weise zum Ausdruck brachten. Immer standen Schüler, manchmal auch Lehrer oder so gar Eltern an dieser Stelle, und es machte den Eindruck, dass dieser Rahmen, der der Trauer gegeben wurde, sehr dazu beitrug, dass die Schule diesen Schicksalsschlag allmählich verarbeiten konnte. Die Betroffenheit übertrug sich auch auf die Studierenden und auf alle, die in diese Schule kamen.(2)
Dieser Umgang mit dem Tod, der an dieser Stelle in der Schule fokussiert war, sagte viel über das Schulklima aus: die Schule bietet auf einmal Raum für alle, weit über den Kreis der Schüler hinaus, der Trauer Ausdruck zu geben. Dass dabei gerade der Institution Schule diese Aufgabe zufällt, sagt viel über ihre Aufgaben und Möglichkeiten im Bezug auf die Gesellschaft aus. Vielen Studierenden wurde dabei bewusst, dass außer Unterricht und Bildung die Aufgaben von Schulen viel reichhaltiger sein können.

HINTERGRUND


Das obige Bild von den Studierenden auf dem Weg mag symbolisch sein: auch die Lehr amtsstudierenden im Projekt »Schule und Erziehung« an der Universität Wien haben sich auf den Weg begeben: er wird die Studierenden, vorzugsweise Jüngersemestrige, ausgehend von ihren eigenen Schulerfahrungen an neue unbekannte Orte führen: zu Alternativschulen, Regelschulen, Schulversuchen, aber auch zu anderen Aus- und Weiterbildungsstätten.
Schritt für Schritt werden neue Orte kennen gelernt, neue Methoden - gleichzeitig wird aber auch gelernt, teilnehmend zu beobachten, eigenständig zu analysieren, pädagogische Ansätze zu bearbeiten: Anders als viele andere Lehramtsstudierende stellen diese sich bewusst die Frage, welche Qualität es eigentlich hat, Lehrerin oder Lehrer zu sein und nicht nur Studentin des wissenschaftlichen Faches X oder Student des Faches Y.
Die Grundidee ist es, Impulse zu setzen, die die Persönlichkeiten aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer anstoßen und motivieren, eine reiche Bandbreite von Themen der Pädagogik und Sozialpsychologie kennenzulernen und in die Materie praktisch und theoretisch etwas tiefer einzudringen.
Vielfach missverstehen die universitären Pädagogen heute die Aufgabe, die sie seit ca. 15 Jahren vom Staat übertragen bekommen haben. Viele vermeinen, den Studierenden ein theoretisches Vademecum mitgeben zu müssen, indem vielerlei Inhalte wie im legendären Nürnberger Trichter bei Vorlesungen in die Studierenden hineingestopft werden müssen. Dass es allerdings vor allem eine Handlungsorientierung geben, dass angehende Lehrerinnen und Lehrer ein anwendbares (nicht nur theoretisches!) Rüstzeug zur Verfügung stehen muss, ist vielen der universitären Pädagogen, die nur in seltenen Fällen in den letzten Jahren auch selbst aktiv in einer Schule gestanden sind, naturgemäß fremd. Und Theorie zu bringen, ist allemal einfacher, als die angestammten universitären Pfade zu verlassen und sich auf Neuland zu begeben. Dass dann manche Betreuungslehrer den verdutzten oder bestürzten Studierenden schulterklopfend mitteilen, dass diese den pädagogischen Unsinn, der von den Herren und wenigen Damen Professoren an der Universität kommt, möglichst rasch vergessen sollen, weil in der Praxis eben alles anders aussehe, ist dann nur ein weiteres Puzzlestück in der oft nicht funktionierenden Kommunikation zwischen der »theoretischen« Erziehungswissenschaft und der »praktischen« Übungsphase des Unterrichtens. Umso beeindruckender ist es, dass sich in den letzten Jahren mehrere Initiativen gebildet haben, in Projekten neue Methoden und neue Wege zu beschreiten, die dieses Defizit beseitigen helfen sollen.
Hervorgegangen sind diese Projekte (auch das hier besprochene) aus dem Studienplan der allgemeinen pädagogischen Ausbildung, der am 5. April 1995 einhellig von der Universität beschlossen worden ist.
Dieser sah eine Studieneingangsphase zum »Berufsbild Lehrer/in« vor, die das Vorbild für das hier besprochene Projekt war:
Als Ziele wurden für diese im ersten Studienjahr zu absolvierende vierstündige Studieneingangsphase folgende Schwerpunkte festgelegt:

Die Lehrveranstaltung soll zur Einführung dienen und zunächst über die Struktur der Lehramtsausbildung informieren
Ausgehend von der Reflexion über die eigene Schulvergangenheit soll durch die Diskussion und die Konfrontation mit anderen Erfahrungen selbst erlebter Schule der Rahmen von »Schule« erweitert werden.
Anschließend folgt die Beschäftigung mit Idealvorstellungen und dem Anspruch, aber auch mit dem Bild der Öffentlichkeit oder veröffentlichten Meinung über den Beruf im Schul- und (Aus-/Weiter-) Bildungsbereich. Der Reflexionsprozess soll nun auch die Frage über die Gültigkeit und Wirkung dieser Bilder einbeziehen.
Schließlich sollen Situationen erkundet werden, in denen Erziehungs-, Lehr- oder Lernprobleme zu behandeln sind. Das kann einerseits in Exkursionen geschehen, andererseits im Einladen von Expertinnen und Experten zu gewissen Themen. Ziele dabei sind, die eigenen Handlungskompetenzen zu erweitern und ein Bewusstsein für die neue Rollenperspektive zu erlangen. Die teilnehmende Beobachtung soll neben dem Beobachten und Analysieren von Strukturen, Arbeitsabläufen und menschlichen Beziehungen immer auch die eigene Betroffenheit einschließen. Diese Einbeziehung (des jungen Forschers/ der jungen Forscherin selbst) in den Reflexionsprozess zieht sich als roter Faden durch die gesamte Lehrveranstaltung von der Analyse der eigenen Schulerfahrung bis zur ersten kleinen Projektarbeit zu einem Themenbereich aus Schule und Erziehung.

Da der vom Ministerium verordnete Studienplan von demselben wegen mangelnder finanzieller Bedeckbarkeit nicht genehmigt wurde, war die Universität gezwungen, diese Lehrveranstaltung als Studienversuch im Rahmen des bestehenden (und unbefriedigenden) Studienplans von 1984 unterzubringen, indem sie nun als »Theorie der Schule« und »Theorie der Erziehung« Teil der allgemeinpädagogischen und sozialpsychologischen Ausbildung für angehende Lehramtsstudierende ist.

PERSPEKTIVEN


Ziel dieser Lehrveranstaltung ist es vor allem, (auch im Gegensatz zur rein fachwissenschaftlichen Ausrichtung) auf den Perspektivenwechsel von der Sicht aus der Schüler- zur Lehrerperspektive hinzuarbeiten, vor allem, was die zwischenmenschliche Verantwortung und die Arbeit in der Institution Schule betrifft. Mindestens ebenso wichtig ist aber der Ansatz, pädagogische Theo rie und handfeste Praxis zu erfahrungsorientiertem Lernen zu verbinden. Schon seit Jahren wird von Studierenden, Lehrern, ja sogar selbst von Pädagogen immer wieder die praxisferne pädagogische Ausbildung kritisiert, die zu viel im Auditorium Maximum zu wenig auf die Bedürfnisse des Schulalltags eingeht:

»Die universitäre Ausbildung mit ihrer einseitigen Ausrichtung auf Theorie lässt den Mangel an diskursiven, persönlichkeitsorientierten Einsichten und Kenntnissen besonders problematisch erscheinen«. (3)

Praxisbezug, Berufsorientierung und persönlichkeitsbildende Elemente wurden vor allem von den Studierenden immer wieder vermisst und eingefordert. (4)
In der Erprobung der Studieneingangsphase wird nun versucht, zu Beginn des Studiums den Lehramtsstudierenden die Lebenswelt eines pädagogischen Berufs, seine Anforderungen und Fragestellungen nahezubringen. Gleichzeitig soll aber auch der Stellenwert der pädagogischen, sozialpsychologischen und (fach)didaktischen Wissenschaft in dieser Erkundungs- und Erforschungsphase implementiert werden. Ebenso soll durch die Erkundungen und Reflexionsprozesse näher gebracht werden, dass Lehrer nicht nur Wissen weitergeben, sondern in einen Prozess des Wissenserwerbs hineingestellt sind und dafür Verantwortung tragen, dass aber das Lernen nicht losgelöst von der Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen (Stichwort: Jugendforschung) gesehen werden kann.
Die Lehrveranstaltung wird in Kleingruppen organisiert und sowohl von Betreuungslehrern betreut, die einerseits in Schulen unterrichten, andererseits am Zentrum für das Schulpraktikum der Universität Wien beschäftigt sind, als auch von Tutorinnen und Tutoren.

ESSENZ


Die Studierenden werden zu Beginn aufgefordert, ein Forschungstagebuch über die einzelnen Sequenzen anzufertigen, um ihre eigene Reflexion zu unterstützen. Weil ein »Tagebuch« eine private Angelegenheit ist, wird nicht Einsicht genommen. Am Ende verfassen die Studierenden eine Dokumentation, in die ihre Tagebuch-Aufzeichnungen, wenn sie wollen, einfließen können - und auch eine kleine thematische Abschlussarbeit zu einem Aspekt von Schule und Erziehung. Aus diesen Arbeiten stammen die nun angeführten Zitate:
Vor der ersten Erkundung gab es mehrere Einheiten, die der Reflexion über die eigene Schulerfahrung, der (spielerischen) Beobachtung und Analyse von Kommunikation(s-Verhalten) dienten.
Bei der oben beschriebene Erkundung in Baden waren sich die Studierenden des Perspektivenwechsels bereits bewusst:

»Für mich ist es das erste Mal nach meinem Verlassen, dass ich wieder in eine Schule gehe - jedoch diesmal nicht als Schülerin, sondern als angehende Lehrerin […], ich betrachte das gesamte Schulbild unter einem anderen Aspekt«

In der letzten Einheit des Wintersemesters stand dann die Beschäftigung mit Grundzügen des pädagogischen Arbeitens auf dem Programm, anschließend wurde ein genauer Überblick über die Lehramtsausbildung einschließlich des Unterrichtspraktikums gegeben, bei dem viele Studierende die Gelegenheit ausnutzten, Details nachzufragen. Eine gemeinsame Plenums-Phase aller Kleingruppen rundete das Semester ab.

Im Sommersemester gab es den Großteil der Exkursionen, deshalb wurde das in den Reflexionen vieler Studierende besser bewertet. Die Kleingruppe (5), die hier vorgestellt wird, entschied sich für folgende Erkundungen:
Anfang März wurde die BHS Ungargasse besucht, um die Schulform der berufsbildenden höheren Schule zu erkunden und gleichzeitig eine Schule kennen lernen, an der Integration mit behinderten Schülerinnen und Schülern stattfindet. Zu dieser Einheit kam eine Expertin im Rollstuhl, die auch schon im Vorjahr mitgewirkt hatte, und erzählte von ihren persönlichen Erfahrungen während ihrer Ausbildung an Schule und Universität.(6)

Eine Studentin notiert in ihrem Bericht:

»Nach dem Mittagessen in der Schulkantine stellten sich spontan ein Turnlehrer und eine Sprachlehrerin zur Verfügung, die uns über ihre Erfahrungen mit dem Modell »gelebte Integration«, ihre anfänglichen Probleme im Umgang mit den Behinderten und ihre universitäre Laufbahn Rede und Antwort standen.[…] Am ansprechendsten war für mich persönlich aber das Gespräch mit einer behinderten Bekannten unseres Tutoren Gerhard. Trotz ihrer Behinderung und den damit verbundenen Schwierigkeiten, in die diversen universitären Gebäude zu gelangen, hat sie ihr Studium erfolgreich abgeschlossen. Ich bewundere ihre ausgeprägt optimistische Einstellung zum Leben und vor allem ihre Stärke und den Humor, den ich bei »gesunden« Menschen oft vermisse.«

Und eine andere Kollegin ergänzt mit eigenen Beobachtungen:

»Das Bewusstsein der Bevölkerung für die Bedürfnisse von Behinderten ist in unserem Land nicht besonders ausgebildet. Bezeichnend dafür ist, dass es bei öffentlichen Verkehrsmitteln in der Nähe der Schule nach elf Jahren noch immer keinen Lift gibt.«

Wie sich auch aus diesen Stellungnahmen ergibt, zeigt sich, dass von persönlichen Begegnungen immer wieder starke Impulse für Reflexionsprozesse ausgingen. Zum Teil wurden sie explizit auch mehr gewünscht, z.B. längere Kontakte mit Schülern und Lehrern, was allerdings aus organisatorischen Gründen nicht immer möglich war. (7) Nach einem Besuch des Gymnasiums Albertgasse, der der »unsichtbaren Seite der Schule« gewidmet war, in der die Studierenden durch den Direktor Einblick in die vielfältigen organisatorischen Notwendigkeiten einer Schule nehmen konnten, stand Anfang April ein ganztägiger Block für Erkundungen in Alternativschulen zur Verfügung:
Am Vormittag wurde eine Montessori-Volksschule in Hernals besucht; die Beobachtungen erfolgten direkt in die Klassen. Besonders fiel allen auf, wie ruhig es im Schulgebäude war, wie wohl sich die Kinder frei bewegten. Das konnte in dieser extremen Ausformung an keiner anderen »Regelschule« beobachtet werden. Durch diese Erkundung wurde eine Studentin angeregt, ihre Abschlussarbeit der Montessoripädagogik und alternativen Lehrmethoden zu widmen. Am Nachmittag des selben Tagesstand der Besuch der Waldorfschule in Pötzleinsdorf auf dem Programm. Einerseits fiel den Studenten, wie sich bei der Reflexion zeigte, auf, dass man sich an dieser Schule sehr um Lebensweltnähe bemüht (etwa wenn Jugendliche von der Aussaat des Getreide bis zum Backen des eigenen Brotes) grundlegende kulturelle Fertigkeiten mitbekommen, die der städtischen Jugend ansonsten meist fremd bleiben. Andererseits irritierte doch der eine oder andere Unterschied zu den Regelschulen: dass etwa der herkömmliche Stundenplan dort nicht gilt, oder »dass (zu) viel Wert auf Kreativität gelegt« werde. Doch alle nahmen irgendein positives Detail mit, das sie in ihrem Unterricht später auch selbst anwenden wollten.
In der nächsten Erkundung sollte ein Einblick in die innerbetriebliche Weiterbildung bei einem Großkonzern (Siemens) gewonnen werden. Besonders interessierte dabei, wie ein großer Konzern moderne Managementmethoden, Elemente wie Teamfähigkeit oder kommunikative Fähigkeiten den Mitarbeitern nahebringen kann und wie und ob es Berührungspunkte oder gemeinsame Ziele von Bildungs- und Wirtschaftsorganisationen gibt . In einer weiteren Sequenz wurden Methoden und Übungen der Edu-Kinestetik vorgestellt. Viele Studentinnen schätzten die körperlichen Übungen, auch wenn sie von den Einwänden aus der Wissenschaft ebenfalls informiert wurden. Schließlich führte die letzte Exkursion in die Übungshauptschule Hebbelplatz, wo die Studierenden Gelegenheit bekamen, die Organisationsform der Hauptschule kennenzulernen, aber vor allem, die Ausbildung der Kollegen von den pädagogischen Akademien näher kennenzulernen, die auch beim Unterricht beobachtet werden konnten. Dabei wurde im Vergleich mit den Kolleginnen und Kollegen auch das eigene Studium und der eigene Studienplan kritisch hinterfragt. Warum gibt es, fragten sich viele, an den Übungshauptschulen so viele Praxisphasen für die angehenden Pflichtschullehrerinnen und -lehrer, für die späteren Lehrenden an den höheren Schulen jedoch fast überhaupt keine Unterrichtspraxis? Zur Verteidigung der Universität meinten viele, dass der Unterricht vor allem fachlich von den Universitätslernenden wahrscheinlich fundierter dargeboten würde, ungeteilten Zuspruch jedoch fanden das Engagement und auch bereits die Routine der PÄDAK-Studierenden. Einige meinten in der Diskussion, auch in der universitären Ausbildung sollte es so etwas ähnliches wie Übungsschulen geben, etwa Partnerschulen der Universität oder einzelner Fakultäten, immerhin ist ja etwa auch das Allgemeine Krankenhaus sowohl Spital als auch Ausbildungsstätte der Universität Wien.
Die Studieneingangsphase läuft nun bereits im dritten Jahr. Diesmal wurde im Team sogar eine Radiosendung erstellt, die im Dezember 1998 auch in Radio 1476 (auf Mittelwelle) ausgestrahlt wurde. An dieser Sendung wirkten nur Teilnehmerinnen dieses Projekts mit. Inhaltlich wurde eine Erkundung in der Volksschule Ortnergasse mit einem hohen Anteil von Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, in den Mittelpunkt gestellt. In dieser Schule gibt es auch eine Klasse mit Integration von behinderten Kindern. Zufällig absolvierte gerade eine frühere Schulkollegin einer Studentin unserer Gruppe ihr Praktikum der PÄDAK-Ausbildung dort. Ein Interview mit ihr, eine Darstellung über das Wesen der Integration, bei der auch eine Betroffene ausführlich zu Wort kam und die abschließende Nachbesprechung und Reflexion (etwa: Was würdest du tun, wenn Eltern ihr behindertes Kind in eine Klasse, in der du Klassenvorstand bist, schicken wollen?) waren die Themen dieser halbstündigen Sendung. Für diejenigen, die an dem Beitrag mitgearbeitet hatten, stellte sich aber auch noch ein didaktisches Problem: Mit welchen Methoden kann dem Medium aber auch den Zuhörenden angemessen über diese Inhalte so berichtet werden, sodass die Radiosendung erstens nicht abgedreht, zweitens als interessant empfunden und drittens auch als Gewinn gesehen werden kann?
Gleichzeitig wurde ebenfalls reflektiert, inwiefern die Anforderungen an Lehrerinnen und Lehrer in einer Schulklasse damit vergleichbar wären oder nicht. Im Laufe der Lehrveranstaltung lernen also die Lehramtsstudierenden, ausgehend zunächst von ihren eigenen Schulerfahrungen, im Laufe der Lehrveranstaltung eine breite Bandbreite von Aspekten in Schule und Erziehung durch Beobachtung, manchmal auch Betroffenheit und Reflexion kennen. Regelschulen sind ebenso dabei wie alternative Unterrichtsmethoden oder außerschulische Bereichen von Jugend und Bildung.

RÜCKMELDUNGEN


Die abschließenden Reaktionen der Studierenden geben vielleicht einen Hinweis darauf, warum - wie 1997 in einer begleitenden Evaluation festgestellt - der Stellenwert der allgemeinen pädagogische Ausbildung durch die Studieneingangsphase wesentlich günstiger ausfiel als zuvor. (8) Damals konnten nämlich in der Bewertung der Studierenden, die vor und nach der Lehrveranstaltung befragt worden sind, die Anliegen der pädagogischen und sozialpsychologischen Ausbildung in der Rangordnung der verschiedenen Ausbildungsteile einen Platz gutmachen: (9)

»Ich habe das Gefühl, sehr viel vom Projekt »Schule und Erziehung« profitiert zu haben. Viele der Erfahrungen aus diesem Projekt sind »indirekter« Art, sie lassen sich nicht unmittelbar zeigen und messen. Dennoch sind sie da und zeigen oft mehr Wirkung als das kurzzeitige Lernen von Zahlen, Daten und Fakten. Dieses Projekt gab mir die Möglichkeit, einen anderen Zugang zur allgemeinen pädagogischen Ausbildung zu finden. Mir war die Verbindung von Theorie und Praxis ein Anliegen - hier habe ich sie gefunden.«

Eine andere Kollegin lobt vor allem die Diskussionsrunden in der Gruppe nach den Erkundungen,

»wo vor allem allgemeine Probleme der pädagogischen Ausbildung auf der Universität diskutiert worden sind. Besonders diese abschließenden Diskussionen, wo jeder Teilnehmer seine Gedanken bzw. Probleme mit der allgemeinen pädagogischen Ausbildung artikulieren kann, finde ich gut. Dieses gute Diskussionsklima sollte auf jeden Fall für weitere Projekte dieser Art beibehalten werden! […] Ich bin sehr froh, am Projektstudium teilgenommen zu haben, da ich mein sicherlich zu blauäugiges Bild von Schule und Lehrerberuf revidieren konnte...«
»Dieses Projekt der Studieneingangsphase bot erstmalig eine direkte Konfrontation mit der Praxis, wodurch man die Schule aus einer anderen Perspektive als jener der Schülers kennen lernen konnte. Dieser unmittelbare Kontakt mit dem Organismus Schule hat auch einige Schwellenängste abgebaut und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten gestärkt, da ich jetzt eine etwas genauere Vorstellung vom Lehrberuf habe. Durch die Gespräche mit verschiedenen Lehrerpersönlichkeiten wurde mir klarer, welche unterschiedlichen Anforderungen dieser Beruf stellt. […] Besonders wichtig erscheint mir auch die Verbindung zwischen dem Fachwissen und der Pädagogik zu sein. Für die Meinungsbildung und das Erkennen von Perspektiven war das breit gefächerte Spektrum dieses Projekts sehr hilfreich.«

Doch nicht nur für die Studierenden, sondern für alle Teilnehmer an diesem Projekt gab es einen befruchtenden Lernprozess und neue Einblicke in pädagogische Modelle und Aufsätze und gelebte Pädagogik in der Praxis.

ANMERKUNGEN


(1) Dr. Gerhard Hager
(2) Kaum ein anderes Thema ist solch ein tabuisiertes wie das Thema »Tod«. 1994 haben wir (in DIDAKTIK 3/94 »Wagt er zu weinen: Sterben, Trauer, Leben !«) untersucht, wie mit diesem Thema an verschiedenen Schulen umgegangen wird. Bezeichnend war, dass es selbst in der Zeitung große Widerstände gegen dieses Tabuthema gab. Doch ein aktueller trauriger Anlass kann einen Umgang damit erzwingen und zu solch einer beeindruckenden Haltung der ganzen Schule oder wie 1994 (Unfalltod einer Studentin durch eine herabstürzende Balustrade) auch hunderter Studierender führen, wobei sich dabei auch die stabilisierende Wirkung von Ritualen zeigt. Und welch enorme Energien hier stecken, beweist die Tatsache, dass die Schüler dieser Schule in Folge dieses Unfalls sogar ein Gesetz zur Senkung der Promillegrenze im Straßenverkehr durchsetzen konnten, nachdem ihre Kollegen von einem betrunkenen Autofahrer angefahren und getötet worden waren.
(3) vgl. DIEM-WILLE (1986) S.40.
(4) vgl. DIDAKTIK. 1/95, S. 38f. und bei Brigitte Bünker (1993)
(5) sieben Studentinnen und zwei Studenten unter der Betreuung von Dr. Gerlinde Körper, Mag Georg Rameis (Betreuungslehrer/in), Mag. Anke Weber und mir, Gerhard Wagner (Tutor/in)
(6) Mag Dorothea Brozek ist Mitbegründerin des Behindertenreferats der Hochschülerschaft an der Universität Wien (mit Gerhard Wagner). Sie ist Sexualpädagogin und Aktivistin in zahlreichen Initiativen behinderter Menschen; vgl.: BROZEK (1995): S. 46f.
(7) Diese persönlichen Erfahrungen waren förderlich für die Beschäftigung mit der wissenschaftlichen pädagogischen Auseinandersetzung - im Gegensatz zu den Befürchtungen einiger Kritikerin in den universitären Gremien.
(8) vgl. BÜNKER (1994)
(9) vgl. KLEINER, PETER & WAGNER (1998): S. 159 f.

Gerhard Wagner war 1999 Herausgeber der Zeitschrift DIDAKTIK, Fachtutor im Projektstudium sowie studentisches Mitglied der gesamtösterreichischen Studienkommission für die LehrerInnenausbildung und stv. Vorsitzender der Studienkommission für die Allgemeine Pädagogische Ausbildung und das Schulpraktikum

LITERATUR


BROZEK, Dorothea(1995) : Was Hänschen lernt... Damit wir eines Tages nicht mehr von »Integration« reden müssen. In: DIDAKTIK 1/95, 46-47

BÜNKER, Brigitte (1993):: ZSP-Studentenbefragung 1991. Qualitative Auswertung. Wien-Zentrum für das Schulpraktikum: Ungedruckte Publikation

BÜNKER, Brigitte (1994):: Über Allgemeinbildung, Lehrerbildung und das Wirtschaften. Ein Didaktik-Workshop bei SIEMENS. In DIDAKTIK 4/94, 58-59

DIEM-WILLE, Gertraud (1986): Zusammenarbeit im Lehrkörper. Modellstudie einer Organisationsberatung einer Mittelschule. Wien , Köln, Graz: Böhlau

Kleiner, Konrad; Peter Martin & WAGNER Gerhard (1998): Das Projektstudium »Schule und Erziehung« als Studieneingangsphase für Lehramtsstudierende an der Universität Wien. In : Innovationen in der universitären Lehrerbildung, hg. v. Gertraud Diem Wille & Josef Thonhauser. Innsbruck, Wien: Studienverlag, 131-167

OSWALD, Friedrich (1995): Kommunikation: sich selbst und andere kennenlernen. In ZSP Wien (Hg.): Interaktion IV, Kommunikation in der Praxis des Lehrens und Erziehens. Wien: Eigenverlag, 4-10

STUDIENPLAN 1995: für die pädagogische Ausbildung und für das Schulpraktikum der Studierenden in der Ausbildung zum Lehrberuf an der Universität Wien. Wien: Zentrum für das Schulpraktikum der Universität Wien, Typoskript

VERORDNUNG 1994: Änderung der Studienordnung für die pädagogische Ausbildung für Lehramtskandidaten, BGBl. 145/30.6.1994

WAGNER, Gerhard (1995) : Auf neuen Pfaden... Wie das Lehramtstudium ab 1996 aussehen wird. In DIDAKTIK 2/95, 44-45

WAGNER, Gerhard (1994) : Projekt im WUK: Leben und Tod. In DIDAKTIK 4/94, 40-41

 
ZUR PERSON


Bild von Gerhard Wagner Mag. Gerhard Wagner ist seit 1993 Chefredakteur und Herausgeber des Bildungsmagazins DIDAKTIK sowie von DIDAKTIK-Online und verantwortlich für die inhaltliche Konzeption von didaktik-on.net.

Er hat an zahlreichen bildungswissenschaftlichen, didaktischen und sozialwissenschaftlichen Projekten, unter anderem als Projektleiter, mitgearbeitet.

Gerhard Wagner war in verschiedenen Kommissionen der Universität Wien Mitglied und später zunächst als Tutor, dann von 2004 bis 2009 als Studienassistent am Institut für die schulpraktische Ausbildung tätig (seit 2005 Teil des Instituts für Bildungswissenschaft an der Universität Wien). Bis 2011 ist er für die Universität Wien Projektmitarbeiter im von der EU geförderten Projekt »Hook up!«, an dem zehn europäische Universitäten eine Sprachlernplattform für Austauschstudierende erstellen.

Seit 2011 unterrichtet er, zunächst an einer AHS in Niederösterreich, jetzt in Wien, Deutsch, Deutsch als Zweitsprache sowie Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung.

Des weiteren ist Gerhard Wagner Mitarbeiter der integrativen Redaktion von Freak-Radio und Chefredakteur von Freak-Online. In beiden Redaktionen erarbeiten Menschen mit und ohne Behinderung Informationen über behinderte Menschen.
-> http://freak-online.at
-> https://www.facebook.com/gerhard.wagner1/about?section=bio


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