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Artikel aus 2005

Eine profunde Professionalisierung des Lehrberufs erfordert universitäre Strukturen
Warum die Lehrerausbildung den universitären Background braucht...

ILSE SCHRITTESSER


Würde man jemals auf die Idee kommen, die Ausbildung von Ärzten oder Juristen aus den Universitäten auszulagern? Auf Grund der unmittelbar zu erwartenden Defizite, die eine wissenschaftsferne und damit eine die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse erst aus zweiter Hand vermittelnde Ausbildung erwarten ließe, gibt es hier offenbar einen allgemeinen gesellschaftlichen Konsens.



Initial D
ie Leistungen der genannten Berufsgruppen sind — da besteht scheinbar Einigkeit — durch eine wissenschaftlich fundierte Professionalisierung abzusichern, da sie gesellschaftlich sensible, überlebensrelevante Bereiche bearbeiten. Die Auswirkungen eines sorgloseren Umgangs mit Fragen der Gesundheit und des Rechts würden wohl nicht lange auf sich warten lassen.

Der Lehrberuf, hingegen, der — und dies ganz besonders in Zeiten der Wissensexplosion und der Technologieschübe — die große Verantwortung trägt, die heranwachsenden Generationen für ein Leben in unserer Gesellschaft zu qualifizieren und dabei sicher zu stellen, dass das gesellschaftlich akkumulierte Wissen und Können sinnvoll weitergegeben und nachhaltig weiterentwickelt wird, ist als wissenschaftlich verankerte Profession nicht unumstritten. Angesichts der Brisanz, Lern- und Bildungsprozesse so zu begleiten, dass der gesellschaftliche Weiterbestand auf hohem Wissensniveau gesichert ist, überrascht allerdings die Naivität, mit der Lehren und Unterrichten immer wieder in die Nähe naturwüchsiger, vielleicht sogar angeborener Fähigkeiten gebracht wird und daher keiner wissenschaftlichen Fundierung bedarf.
Zugegeben: die Auswirkungen einer wissenschaftlich defizitären, universitätsfernen Lehrerbildung sind wahrscheinlich nicht adhoc und hautnah feststellbar, wie dies etwa im Gesundheits- oder Rechtssystem der Fall wäre. Die Szenarien, die man sich für die Bedrohungen von Gesundheit und Recht ausmalen kann, erscheinen im Fall des Bildungssystems dünner und weiter hergeholt. Unser Denken hat offenbar die Tendenz, langfristig zu erwartende Entwicklungen auszublenden und mit geringerer Spannung und Aufmerksamkeit zu belegen. Dies könnte ein Grund sein, warum die zunehmende Notwendigkeit, Wissen und Können auch im Lehrberuf ganz selbstverständlich wissenschaftlich anzubinden, nicht im gleichen Ausmaß unumstritten ist, wie dies für andere Professionen gilt.

Warum aber ist der Lehrberuf heute mehr denn je als Profession zu verstehen und als solche im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern?
Bildungswege und Lernen der Heranwachsenden in einer Gesellschaft der komplexer werdenden sozialen Beziehungen und der technologisch und kulturell immer anspruchsvoller werdenden Wissensstrukturen auf qualitativ hohem Niveau zu begleiten und damit eine menschenwürdige und lebenserhaltende gesellschaftliche Zukunft so gut es geht abzusichern, ist eine äußerst anspruchsvolle Tätigkeit, die eines entfalteten Expertenwissens und -könnens bedarf. Dieses sollte einerseits an wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtet, andererseits in Situationen autonom einsetzbar und systematisch überprüfbar sein. Damit sind zwei Charakteristiken wissenschaftlichen Denkens und Handelns genannt, welche nur im Zuge einer universitären Ausbildung erworben werden können: erstens den aktuellen Wissensstand eines Faches anzueignen und kontinuierlich zu erneuern und zweitens die Sicherheit von Wissensergebnissen autonom zu überprüfen und an den individuellen Fall anzupassen.
Wo, wenn nicht an den Universitäten, ist der logische Ort zu suchen, an dem die genannten Erkenntnisse generiert, kritisch überprüft und eine auf Begründungsfähigkeit beruhende Entscheidungskompetenz entwickelt werden kann?
Als nicht zu unterschätzendes Potential der Universitäten ist in diesem Zusammenhang auf die unmittelbare Anbindung der Lehre an die Forschung zu verweisen. Die forschungsgeleitete Lehre stellt gerade in Ausbildungsfeldern, in denen es um gesellschaftlich brisante Leistungen geht — und der Lehrberuf erbringt solche Leistungen! — eine unübertroffene Ressource dar.

Die hier argumentierte universitäre Verankerung des Lehrberufs gilt für das Fach und die Fachdidaktik ebenso wie für die pädagogische Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen. Gerade Fachdidaktik und Pädagogik stellen Bezugswissenschaften für professionalisiertes Lehren und Unterrichten dar, auf die in Zeiten der Allgegenwärtigkeit von Lernen und (lebensbegleitender) Weiterbildung nicht verzichtet werden kann. Das Fach, dessen qualitätsvolle Aneignung im universitären fachwissenschaftlichen Studium erfolgt, die Fachdidaktik und die pädagogische Ausbildung bilden eine Trias, die eine tiefgreifende Professionalisierung des Lehrberufs gewährleisten kann.
Wenn von wissenschaftlicher Fachdidaktik und Pädagogik als unerlässlichen Anteilen der Lehrerbildung die Rede ist, soll mit einem Mythos aufgeräumt werden, der sich hartnäckig hält, jedoch jeder aktuellen Basis entbehrt: es handelt sich um die Rede von der »praxisfernen« und damit defizitären Qualität pädagogischer und fachdidaktischer Ausbildungsteile der derzeitigen universitären Lehrerbildung.
Seit Inkrafttreten des neuen Studienplans — dieser ist spätestens seit 2002 für alle Lehramtsstudien wirksam — haben die pädagogischen und fachdidaktischen Anteile der universitären Lehrerbildung einen wesentlich erweiterten und neu definierten Stellenwert.
Die pädagogische, wissenschaftliche Ausbildung von Lehramtsstudierenden an der Universität Wien, etwa, besteht in einer sinnvollen Verschränkung von pädagogischem Grundlagenwissen mit praktischer, theoriegeleiteter Handlungsfähigkeit, um Studierende auf die Anforderung vorzubereiten, angemessen und eigenständig auf die vielfältigen Problemstellungen autonomer pädagogischer Praxis reagieren zu können.
Um diese Verschränkung zu gewährleisten, werden Studierende — etwa als Forschende in konkreten Schulforschungsprojekten — sowohl in die »scientific community«, wie auch in die Gemeinschaft der Experten aus der Praxis eingebunden. Auf diese Weise haben sie die Möglichkeit, die Fähigkeit zur systematischen Aufarbeitung von Praxisproblemen zu erwerben — eine Fähigkeit, die sie später im Beruf immer dann brauchen werden, wenn individuelle Lehr- und Lernsituationen begründungspflichtige Entscheidungen erforderlich machen.

Parallel dazu sollen Studierende, basierend auf Erkenntnissen aus der Organisationsentwicklung, in ein Netzwerk von Forschern, Forscherinnen und Professionellen integriert werden, um hier in einer Art Meistlehre Begründungsfähigkeit zu entwickeln und die allseits geforderte Reflexionsfähigkeit auszubilden und zu schärfen.
Begleitend zur Vermittlung von Grundlagenwissen, von Begründungs- und Reflexionsfähigkeit, werden auch Übungen zu solchen — wie aus der Praxis des gegenwärtigen Berufsfeldes festzustellen ist — durchaus hilfreichen Fertigkeiten wie Projektmanagement, Moderation, Präsentationstechniken, kreatives wissenschaftliches Schreiben angeboten (letzteres nicht nur zur Unterstützung im Studium, sondern auch in Hinblick auf eine wünschenswerte und zu fördernde spätere Publikationsfreudigkeit der Absolventen und Absolventinnen).
Last, but not least liegt ein Schwerpunkt der Ausbildung auf der zur Zeit besonders aktuellen gesellschaftlichen Erfordernis, angehende Lehrer und Lehrerinnen im Umgang mit elektronischen Medien und elearning nicht nur zu schulen, sondern auch didaktische Konzepte mitzuliefern, die einen kritischen Umgang mit den Neuen Medien und den durch diese mitbewirkten tiefgreifenden gesellschaftlichen Vernetzungs- und Globablisierungsprozess ermöglichen.
Diese Beispiele sollen zeigen: so »praxisfern«, wie ihr immer wieder vorgeworfen wird, ist die universitäre Lehrerbildung keineswegs. Allerdings kennt sie vielleicht einen etwas anderen Begriff von Praxis, als er allgemein verstanden wird: Nicht um vorweggenommene Praxissituationen geht es — obwohl auch die Lehramtsstudierenden der Universität früh, bereits zu Beginn des dritten Semesters, in die Schulen gehen, um sich im eigenständigen Unterrichten zu erproben. Vor allem geht es darum, Praxis vorzubereiten, indem wissenschaftlich geleitete Distanz — so etwas wie ein »fremder Blick« (als wesentlicher Aspekt von Reflexionsfähikgeit!) — bezogen auf diese Praxis, wie auch die Fähigkeit gefördert wird, systematisch neues Wissen gemäß den jeweiligen Anforderungen sowohl entwickeln, als auch kritisch überprüfen zu können.

Im zukünftigen Praxisfeld des Lehrberufs wird vermehrt die Vermittlung von jenen Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Vordergrund rücken, welche den nachkommenden Generationen spezifische Möglichkeiten eröffnen, sich in einer Gesellschaft behaupten zu können, die in ihren komplexen sozialen Anforderungen, ihrer Zukunftsunsicherheit, ihren ausgeweiteten Wissens- und Technologieprozessen hohe Ansprüche an sie stellen wird. Entsprechend behutsam, weitsichtig und fundiert müssen diese Vermittlungsprozesse gestaltet sein.
Welche, wenn nicht eine an der Universität ausgebildete Lehrerschaft könnte diesen Anforderungen in angemessener Weise begegnen?

 
ZUR PERSON


Ao. Univ. Prof. Dr. Ilse SCHRITTESSER

Vize-Studienprogrammleiterin Bildungswissenschaft an der Universität Wien
Leiterin der Abteilung für LehrerInnenbildung und Professionalisierungsforschung


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