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Artikel aus 2005

Die Entwicklung der Integration in Österreich

OTTO ANLANGER


Der im Folgenden skizzierte Bogen umspannt einen Zeitraum von über 20 Jahren und macht damit deutlich, dass eine neue pädagogische Entwicklung - von der Idee bis zur Gesetzwerdung - seine Zeit braucht. Aber wieviel Aufwand an Zeit, Energie, Geduld, wieviele Rückschläge und Frustrationen es die engagierten Mitglieder der Initiativgruppen gekostet hat, das zu erreichen, lässt sich für Außenstehende nur erahnen.
So waren z.B. Aussagen wie die von Prof. Dr. Andreas Rett aus dem Jahre 1975 dem Integrationsgedanken sicherlich nicht förderlich: »Versuche, Kinder mit Down-Syndrom bzw. andersartigen Krankheitsbildern mit einem IQ unter 80 in Volksschulen zu integrieren, müssen fehlschlagen. Der Versuch, den Hellbrügge in München durchführte, konnte nicht erfolgreich sein.«
Heute, 22 Jahre später, kann das Gegenteil als bewiesen gelten: Kinder mit Down-Syndrom werden erfolgreich integriert und Dr. Hellbrügge hat mit seinen Montessori-Schulen in München weltweit Anerkennung gefunden.



Initial I
ntegration ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Integration hat viele Formen und muss der jeweiligen Situation angepasst werden. Sehr wichtig aber, um Integration zu ermöglichen, sind die äußeren Rahmenbedingungen, die von der Schulbehörde geschaffen werden müssen. Mir vermittelte diese anfangs oft den Eindruck, dass sie in der Position des Getriebenen war, anstatt selbst innovative Konzepte zu erstellen und diese auch in Schulversuchen praktisch erproben zu lassen. Gerade die Integrationsbewegung hat die Schwächen unserer Schulbürokratie bis hinauf in die Spitzen des Unterrichtsministeriums offenbart: halbherzige Zusagen, keine offiziellen Genehmigungen, oft auch Uninformiertheit. Dr. Rudolf Scholten war der erste Unterrichtsminister, der sich gut informiert zeigte und auch persönlich für Integration einsetzte.
Nur den Wenigsten war bewusst, dass Integrationsversuche das allgemeine Schulwesen insgesamt verändern würden. Wesentliche Grundprinzipien des österreichische Schulsystems werden in Frage gestellt: z.B. Leistungsbeurteilung, Aufsteigen und Wiederholen, Unterrichtsgestaltung und einheitliche Lehrpläne in einer Klasse.
Dass Veränderungen von der Basis erreicht werden, ist ein schöner Erfolg, der aber erkämpft werden musste. Anstatt dass sich die Schulbehörde von soviel Engagement der Eltern behinderter Kinder, Lehrer, Therapeuten etc. herausgefordert fühlte und endlich agierte, machte sie eher den Eindruck, dass sie auf die Forderungen und Konzepte der inzwischen breit gewordenen Integrationsbewegung nur zögernd reagierte.
Besonders ärgerlich für manche der Vorreiter in der Integrationsdiskussion war, dass gerade sie, die die Gedanken, Studien und praktischen Beispiele bereits im Ausland bestehender integrativer Schulen weitergaben, verunglimpft wurden. Utopist war noch das schmeichelndste Wort. Ich möchte dies anhand meiner eigenen Erfahrungen verdeutlichen: Der ehemalige Sonderschulinspektor Brandstätter nahm mich nach Beendigung einer Diskussion über schulische Integration am Pädagogischen Institut Wien zur Seite und sagte mir ganz unverhohlen, dass ich die Institution Sonderschule, in der ich ja arbeite und damit mein Geld verdiene, nicht angreifen solle. Gerhard Tuschel, ehemaliger Sonderschullehrer und pädagogischer Referent im Stadtschulrat (derzeit Landesschulinspektor für Sonderschulen), war mit der damaligen Situation recht vertraut. Zitat (Mobil, April 1986): »Tuschel meinte, dass gerade progressive Sonderschullehrer oft den Wunsch nach einer Integration äußern. Dass sie damit nicht nur bei ihren Kollegen auf Ablehnung stoßen, sondern auch öfters 'von oben eine auf den Deckel bekommen', ist Tatsache.«
Bei mehreren Sitzungen des Sozialistischen Lehrervereins (ZV), dem ich 10 Jahre angehörte, musste ich mir den unberechtigten Vorwurf gefallen lassen, dass Integrationsmodelle (Oberwart), wie ich sie forderte, nicht auf Wien übertragbar wären. Wien habe »anders gewachsene« Strukturen, »Wien ist anders!«
Tuschel (Mobil 1986) »... hält die 'totale Integration', wie sie im Burgenland und in der Steiermark durchgeführt wird, für den Wiener Raum für nicht geeignet«.
Was passierte einige Jahre später? - Auch Wien hatte Integrationsklassen, wie sie unter anderem auch ich gefordert hatte!
Dies war nur durch das Engagement der Integrationsinitiative zu erreichen, die sich nicht bei den ersten Rückschlägen frustriert zurückzog, sonder bereit war, für das wichtige Anliegen, das sie vertrat, zu kämpfen. Es hatte sicherlich auch etwas Missionarisches an sich, die anderen zu überzeugen, dass Integration die beste Lösung für alle Kinder ist.
Wenn ich an die ersten Sitzungen am Psychologischen Institut zurückdenke, mit wieviel Elan wir an die Sache gingen, um auch ein Wiener Integrationsmodell auszuarbeiten, so war das eine schöne und interessante Zeit. Alle waren wir von der Idee beflügelt - um nicht zu sagen besessen - ein optimales Konzept zu erstellen, um es dann in die Praxis umsetzen zu können.
War Wien zwar erst das 4. Bundesland, das mit Integrationsversuchen begann - nämlich 1986 - (und zwar nach dem Burgenland - über das der Österreicher ja so gerne witzelt - 1984, der Steiermark und Tirol - 1985), so hat es hier eine erfreulich rasante Entwicklung genommen. Sonderschulinspektor Tuschel setzte sich in der Folge sehr für die Ausweitung der Integrationsklassen ein und versuchte, alle diesbezüglichen Elternwünsche zu erfüllen.
Im Zuge dieser positiven Entwicklung von oben - der Schulbehörde - her, gibt es plötzlich viele Mitläufer. Diese Kolleginnen und Kollegen, die sich anpassen, ohne eine innere Wandlung durchgemacht zu haben, müssen den Integrationsgedanken in ihren Köpfen und Herzen erst Platz greifen lassen. Sonst besteht die Gefahr, dass sie Integration nur als ?Pädagogische Moderichtung? verstehen, wie uns von Integrationsgegnern oft vorgeworfen wurde.

CHRONOLOGISCHE ENTWICKLUNG


Sie beginnt im Jahre 1974 mit dem Schulversuch ?Integrierte Grundschule? und spannt sich bis zur 17. SchOG-Novelle, mit der im November 1996 die Integration an HS und AHS ermöglicht wurde.

Schulversuch »Integrierte Grundschule«

Ab 1974 wird der Schulversuch »Integrierte Grundschule« auf der Basis des Artikels III der 5. SchOG-Novelle durchgeführt. Es ist dies kein Schulversuch, der von betroffenen Eltern ausgeht, sondern von der Schulverwaltung bzw. Schulpolitik. Mit der Durchführung wird das Schulversuchszentrum Klagenfurt und die dortige Universität für Bildungswissenschaften betraut. Aus dem Schulversuchsplan geht hervor, dass nie daran gedacht war, geistig behinderte Kinder zu integrieren: »Im Schulversuch wird erprobt, Kinder mit speziellen Defekten, heterogenem Leistungsprofil, Milieuschädigungen und knapp durchschnittlicher bis leicht unterdurchschnittlicher Leistungsfähigkeit in einer neu organisierten Volksschulreform zu belassen und durch gezielte Fördermaßnahmen, zum Teil unter Mitarbeit eines Sonderschullehrers, zu beschulen«.
Dieses Versuchsmodell wird letztlich von den Grundschulen nicht angenommen, da die lernschwachen Schüler zur Erreichung des Lehrplanzieles soviele Förder- und Stützmaßnahmen in Anspruch nehmen, dass die Organisationsstruktur zu kompliziert wird und der Gesamtunterricht im Klassenverband sehr darunter leidet. Der Schulversuch wird nach dem Auslaufen nicht mehr fortgeführt.
Dr. Heinz Gruber vom BMUK meint dazu: »Bei so spontanen Konstruktionen, die nicht das Produkt sorgfältiger Schulversuchsentwicklung sind, sondern im manchmal demokratiepolitisch bedenklichen Handlungsspielraum einzelner Beamter während des Übertragungsvorganges ihre Erklärung finden, kann, wie auch in diesem Fall, nur selten Erfolg erwartet werden.« (GRUBER 1989)
Wenn man die folgende Aussage von Prof. Dr. Hartmann, dem Leiter dieses Schulversuches, betrachtet, weiß man, dass mit dieser halbherzigen Einstellung Integration nicht machbar ist (HARTMANN 1977): »Separation durch Zusammenfassung von Schülern in eigenen Schulformen erscheint demnach überall dort notwendig, wo Schüler über längere Zeit, während der gesamten Schulzeit, oder für immer eine eigene Betreuung brauchen, nicht in die Gesellschaft integriert oder reintegriert werden können und auch den Schutz vor der Gesellschaft oder umgekehrt brauchen. Separation ist immer dort sinnvoll, wo Integration soziale Belastungen und Benachteiligungen für ein Kind bringen. Dies gilt nicht nur für Schwerstbehinderte, sondern vorübergehend auch für schwer sozial oder emotional gestörte Kinder. So haben offensichtlich Autisten ein Recht darauf, ihren erhöhten Bedürfnissen nach Individualisierung und Kontaktminderung nachgehen zu dürfen. Der gestörte Mensch hat ein Recht auf Separation, wenn seine Sozialisation, auch mit besonderen pädagogischen Mitteln, nicht mit annähernd gleich geringen Belastungen, wie bei einem normalen Menschen, erreicht werden können. Schüler, die nicht in die Grundschule integriert werden können, aber auch nicht schwerstbehindert sind, sollten in Zukunft wohl in eigenen sonderpädagogischen Einrichtungen («Differenzierte Sonderschule») unterrichtet werden, aber möglichst für das Leben in der Öffentlichkeit vorbereitet werden: eine teilweise Integration mit «Regel» - Schülern in bestimmten Gegenständen, während der Schulpausen und in der Freizeit muss in Zukunft systematisch betrieben werden. Die gebaute Schulpädagokik muss dazu mithelfen.«

Beratungslehrer und Förderklassen

Ein von OStR Walter Schindel in Zusammenarbeit mit Schulpsychologen und Jugendamt erstelltes Konzept zur Integration erziehungsschwieriger Kinder wird an Wiener Schulen 1976 von Dr. Karl Köppel erprobt. Da für manche Kinder ambulante Betreuung durch Beratungslehrer nicht ausreichend ist, werden Förderklassen eingerichtet. Dieses Konzept bewährt sich bis heute.

Das Jahr der Behinderten

Das Jahr 1981 wird von der UNO zum Jahr der Behinderten deklariert und damit werden auch Bildungsfragen benachteiligter Kinder verstärkt diskutiert. Dies geschieht meist sehr emotionell und kontroversiell. Die Argumente, die dabei vorgebracht werden, stützen sich oft auf die subjektiven begrenzten Erfahrungen und Mutmaßungen, wie Integration denn wohl »funktionieren« könne - oder auch nicht. Nur wenige setzen sich schon zu dieser Zeit mit Integrationsbestrebungen in anderen Ländern ernsthaft auseinander.
Zu nennen wäre hier besonders Italien. 1976 wurde dort schon das Integrationsgesetz verabschiedet, wodurch die Sonderschulen abgeschafft wurden, und im Frühjahr 1977 wurde per Gesetz die Notenbeurteilung für die Pflichtschule (1.-8. Klasse) abgeschafft.

Erstes Integrationskonzept in Österreich

Es ist an der Zeit, auch in Österreich Integrationsklassen einzurichten. Dies spüren viele »Sonder«- Pädagogen und Eltern behinderter Kinder. Wie es auch des öfteren im technischen Bereich passiert, dass einfach die Zeit reif für eine Erfindung ist und dass zur selben Zeit an verschiedenen Orten getüftelt wird, so ist es auch in der schulischen Integration.
Im Jahre 1982 ist es dann soweit: Die Sonderschullehrerin Brigitte Leimstättner, die Schulpsychologin Dr. Gertraud Schleichert und MitarbeiterInnen haben den Entwurf für eine Integrationsklasse erarbeitet. Dieser erste Entwurf enthält nur Allgemeines zum Thema Behinderung und Integration. Nach mehrmaligem Überarbeiten und Konkretisieren entsteht schließlich (Herbst 1984) eine neunte, letztendlich ausgefeilte und gültige Fassung. Mir erscheint bemerkenswert, dass gerade aus jenem Bundesland - nämlich dem Burgenland -, über das der Österreicher so gerne witzelt, dieser entscheidende Impuls kommt.
Interessant ist, dass bei diesem Konzept verschiedene Behinderungsarten als eingeschränkt oder sogar nicht integrationsfähig angesehen werden.
Die erste Projektbeschreibung wird auf dem Dienstweg an der Sonderschule Stegersbach/Burgenland im Mai 1982 eingereicht und dem Sonderschulinspektor weitergeleitet, der erklärt, dass die praktische Umsetzung dieses Konzeptes nicht möglich ist.
Das bedeutet das vorläufige Aus...

Stützlehrer

Das im Jahr 1981 von Lehrern des ZV - Sozialistischer Lehrerverein Wien - konzipierte Projekt ?Stützlehrer? (federführend: Inge Frühwirt, Sonja Tuschel, Eduard Voss, Wilhelm Willner) wird im Schuljahr 1982/83 in die Praxis umgesetzt. Gefördert werden Kinder mit Teilleistungsschwächen in diversen Bereichen vorerst nur in der Schuleingangsphase im VS-Bereich, später wird das Projekt auch auf die HS ausgedehnt. Dieses Modell hat sich ebenfalls bis heute bewährt.

Aktivitäten in der Steiermark

Im Jahr 1983 beginnen in der Steiermark verstärkte Aktivitäten. Beim »2. Steirischen Seminar zur Förderung des schwerstbehinderten Kindes« kommt es zu hitzigen Diskussionen über Integration. Eine Gruppe von Teilnehmern, die sich mit Aussagen der Veranstalter wie z. B. »Integration in die Sonderschule« nicht abfinden kann und will, verfasst aus den Berichten der Arbeitskreise einen Forderungskatalog. Dieser wird am letzten Tag des Seminars diskutiert und findet überwiegend begeisterte Zustimmung.
Diese Gruppe, erweitert durch andere Seminarteilnehmer, trifft sich in der Folge regelmäßig und schließt sich zum »Arbeitskreis Integration« zusammen. Es werden drei Arbeitsgruppen gebildet, die sich mit den Themen Verbale Beurteilung, Schulversuch und Utopie beschäftigen.
Ende Jänner 1984 hat der steirische »Arbeitskreis Integration« das Konzept, die »Grundlinien für einen Schulversuch Sozialintegrative Schule«, fertig erarbeitet:
Über 500 Exemplare dieser Modellbeschreibung werden an Politiker, Lehrervereine, Schulbehörde, Wissenschafter und Schulen entweder verschickt oder persönlich übergeben.
Dazu Volker Rutte, Mitglied des Vereins »Initiative Soziale Integration« (ISI) - der sich im April 1984 konstituiert (ISI 1991): »Dieses Modell besteht alle Diskussionen im In- und Ausland und wird später weitgehend unverändert in den Rahmenplan des Ministeriums übernommen.«
Einzelne schon bestehende Initiativen können in der Folge im Arbeitskreis zusammenmünden.
Die Volksschule Übelbach (Steiermark) will einen Schulversuch nach oben genannten Richtlinien durchführen und reicht daher ein Ansuchen auf dem Dienstweg ein. Dies wird nicht akzeptiert, und die vorgesetzte Dienstbehörde verbietet grundsätzlich alle Lehrerinitiativen!
In der Steiermark stagniert die Entwicklung.

Anträge zur Abschaffung von Sonderschulen

In Wien bewegt sich etwas. Die Sozialistische Jugend in Wien Margareten - die Parteijugend, die ja immer kritischer ist, als die alten Politprofis - stellt im Mai 1984 den Antrag auf Abschaffung von Sonderschulen. Der Antrag wird beschlossen und an den Landesparteitag weitergeleitet. Den Weg zur Spitze der Parteigremien findet er jedoch nicht...
Die überparteiliche »Initiativgruppe Behinderte - Nichtbehinderte« in Innsbruck startet ebenfalls eine Unterschriftenaktion zur Abschaffung von Sonderkindergärten und Sonderschulen.

Eltern im Burgenland erreichen Schulversuch

Eltern, deren behinderte Kinder im Herbst 1984 schulpflichtig werden, suchen eine schulische Fortführung der Integration, die sie im Kindergarten so positiv miterlebt haben. Dieser Elterngruppe, die die Idee des vorher zitierten Konzeptes (LEIMSTÄTTNER, SCHLEICHERT) wieder aufgreifen, wird nach langwierigen Verhandlungen mit der Schulbehörde der vorläufige Beginn der Integrationsklasse für September 1984 »nicht untersagt«!
Dazu muss jetzt noch ein weiterer wichtiger Aspekt genannt werden, der mitgeholfen hat, das Projekt beginnen zu lassen, und zwar die Medien. In unserer Kommunikationsgesellschaft können die Medien sehr viel bewirken, auch gegen die scheinbar uneingeschränkte Macht der Politiker. Es gelingt der Oberwarter Elterngruppe durch aktive Öffentlichkeitsarbeit Presse und Rundfunk über den geplanten Schulversuch zu informieren, die dann positiv darüber berichten.
So beginnt im Herbst 1984 die erste Integrationsklasse Österreichs in Oberwart (Burgenland.), anfangs ohne gesetzliche Genehmigung und gegen großen Widerstand der Schulbehörde.
Dazu Dr. Fritz Krutzler, Landesschulinspektor des Burgenlandes (BUNGIS 1985): »Die Tatsache, dass es keine gesetzliche Regelung gibt, hängt mit dem Verfahren zusammen; das liegt bei der Schulabteilung, ich bin nicht der Jurist, ich kann das nur von der Ferne referieren. Obwohl die ganze Verwaltungsmaschinerie nicht funktioniert hat, hat der Präsident des Landesschulrates diesen Schulversuch genehmigt, in kurzem Weg, quasi im Wege der mündlichen Weisung, wenn ich das so locker interpretieren darf, und hat dem Ganzen den entsprechenden Rahmen gegeben. Obwohl, das gebe ich auch zu, von den zuständigen Behörden die schriftliche Genehmigung noch aussteht.
Zum Zweiten: Ich habe gesagt, dass es sich hier um einen Ansatz handelt, der beachtet werden muss und der ausbaufähig ist. Dazu stehe ich auch, und ich werde im Laufe der nächsten Woche eine Besprechung durchführen, wo ich alle Experten des Schulversuches einlade und sie ersuche, Beiträge zu bringen, damit wir einen entsprechenden Rahmen erarbeiten, der auch vor den Augen der Verwaltung hält, sodass wir im nächsten Jahr auch gesetzliche Grundlagen haben«.
Diese Aussagen stammen vom Februar 1985; zu diesem Zeitpunkt läuft der Schulversuch schon über ein halbes Jahr. Erst im Juni 1985 wird die Integrationsklasse rückwirkend als Vorversuch bewilligt!
Aber auch die Bevölkerung ist sehr skeptisch, wie Gabriele Huterer am Integrationssymposium 1985 berichtet (BUNGIS 1985):»Ich möchte zu bedenken geben, dass unser Schulversuch noch nicht in der sozialen Umgebung integriert ist: Er stellt ein Einzelmodell dar und viele können oder dürfen nicht begreifen, warum wir das tun, wozu es gut sein soll. Ein besonderes Faktum möchte ich noch kurz erwähnen: Wenn ich mit anderen Leuten über die Idee rede, behinderte Kinder mit nicht behinderten in einer Klasse zu unterrichten, stellen sie oft alle Haare auf. Wenn ich aber die gleichen Leute frage, wie sie den Oberwarter Schulversuch finden, sagen die meisten, die sich gegen die Theorie sträuben, aber unsere Klasse und unsere Kinder kennen: 'Na des is doch ganz was anderes, das sind doch eh ganz liebe Kinder.' Ich frage, was haben diese Leute für Phantasien über Behinderte, wenn sie unsere augenscheinlich behinderten Kinder nicht als Behinderte wahrnehmen können.....« Im Oberwarter Schulversuch sind 14 Kinder, vier sind behindert: ein Muskelschwundkind, eine mehrfach behinderte Spastikerin, ein geistig behindertes, das schon eine S-Klasse hinter sich hat, und ein schwer sprachgestörtes Kind.

1.Integrationssymposium

Um den Gedanken schulischer Integration behinderter Kinder einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wird im Februar 1985 vom Verein BUNGIS (Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam in Schulen) ein Symposium in Bad Tatzmannsdorf (Burgenland) veranstaltet.
Um es gleich vorwegzunehmen: Die Veranstaltung ist ein voller Erfolg. Schon die Teilnehmerliste läßt einiges erwarten: Lehrer, Schulinspektoren, Vertreter aus dem Unterrichtsministerium, Schulpsychologen, Soziologen, Universitäts- und PÄDAK-Professoren nehmen an Podiumsdiskussionen teil, leiten Arbeitsgruppen oder halten Impulsreferate.
Durch diesen Erfolg bestärkt und als Kristallisationspunkt für alle Integrationsbewegten, wird seither jährlich ein Integrationssymposium in jeweils einem anderen Bundesland durchgeführt.

Gründung der ARGE Integration Wien

Das Symposium nützt Renate Jung, engagierte Mutter eines behinderten Buben, darauf hinzuweisen, daß auch in Wien eine Integrationsgruppe im Entstehen sei.
Sie referiert ihren Forderungskatalog, und nimmt erfreut zur Kenntnis, daß dieser die Zustimmung des überwiegenden Teils der Symposiumsteilnehmer erhält. Sie lädt alle Interessierten ein, bei dieser Initiative mitzuarbeiten, die sich das Ziel stellt, auch in Wien eine Integrationsklasse zu initiieren. Die Interessenten tragen sich in eine Adressenliste ein. Somit ist der Grundstein der Wiener Integrationsgruppe gelegt, bei der ich von Anfang an engagiert mitarbeite.
Die ersten Sitzungen (ab 6. Mai 1985) finden im ersten Wiener Gemeindebezirk in den Räumen des Psychologischen Institutes in der Neutorgasse statt. Es treffen sich hier 15-20 Interessierte. Wir diskutieren anhand der Projektbeschreibung der ISI Graz sowie umfangreicher Fachliteratur, wie wir uns in Wien eine Integrationsklasse vorstellen würden, und formulieren dies in einem Konzept. Die Projektbeschreibung der ISI dient uns deshalb als Vorlage, weil sie uns sehr gut durchdacht und formuliert erscheint. Außerdem müssen wir das »Rad« - in diesem Fall zu ersetzen durch Integration - nicht ein zweites Mal erfinden! Daher sind sich beide Konzepte sehr ähnlich.
Nach monatelangen Diskussionen um Grundsatzpositionen und Ringen um deren Formulierung wird dieses Konzept am 22. Oktober dem Wiener Stadtschulrat übergeben.

Erste Integrationsklasse in der Steiermark

In der Steiermark, wo die Mitglieder der ISI fleißig für den Gedanken der Integration Werbung machen, trägt die mühsame Überzeugungs- und Informationsarbeit endlich Früchte: Die Direktorin der Volksschule Kalsdorf bei Graz, selbst Mutter eines behinderten Kindes, will den Schulversuch durchführen. Der Landesschulrat erteilt die Auflage, die betroffenen Eltern der Kinder der geplanten Integrationsklasse zu befragen, wie sie dem Integrationsversuch gegenüberstehen. 70% sind dafür, 20% dagegen und 10% ist es gleichgültig.
.Aus dem Informationsblatt der ISI: »Mit dem Schuljahr 1985/86 beginnt der Schulversuch in Kalsdorf, die Bewilligung ist jedoch «nicht auffindbar». Einzig ein Anruf der Direktorin bei einer Kontaktsendung des ORF hat eine sehr positive Stellungnahme des Unterrichtsministers und gleichsam eine informelle Erlaubnis bewirkt. Noch kommt ein Bescheid, daß der Sonderschullehrer nur mit halber Lehrverpflichtung beschäftigt sei, aber die Eltern stellen sich voll hinter den Schulversuch, stellen ihre Forderungen beim Bezirksschulinspektor, rufen das Ministerium an und bekommen schließlich positive Zusagen«.

Erster Integrationsversuch in Tirol

Auch in Tirol formieren sich die Befürworter von Integration, und so kommt es im Schuljahr 1985/86 zu einer Integrationsklasse in Weißenbach bei Reutte. Heinz Forcher, sehr engagierter Obmann des Elternvereins für Behinderte im Außerfern, schreibt an Dr. Moritz, damals zuständiger Bundesminister: »...wie unendlich mühsam es ist, in der bürokratischen Hierarchie die konkreten Erfahrungen und Anliegen zu vertreten und auch nur in etwa entsprechendes Verständnis zu kriegen...«
In seinem Antwortschreiben drückt Dr. Moritz seine Versicherung aus, alle Ideen, die zu einer Verbesserung der Bildungsmöglichkeit für alle Schüler führen, unterstützen zu wollen.

»Miteinander-Klasse« in Wien

Auf den Druck der Wiener Initiativgruppe - speziell der Eltern - muß endlich reagiert werden. Mitte März 1986 erhält die Elterngruppe von BSI Dr. Walter Weidinger - im Stadtschulrat für Wien zuständig für Schulversuche an allgemeinbildenden Pflichtschulen - einen Entwurf. In diesem Modellentwurf wird sehr wenig auf die inhaltlichen Forderungen der Initiativgruppe eingegangen. Es wird - wieder einmal - »von oben« verordnet!
Interessant ist auch die Tatsache, daß die Versuchsbeschreibung des Stadtschulrates nur eine knappe Seite umfaßt, während sich die Integrationsinitiative die Mühe machte, ein viel detaillierteres Modell auszuarbeiten.

Entschließung des Bundesrates

Am 17. April 1986 faßt der Bundesrat auf Antrag von Maria Rauch (ÖVP, später Rauch-Kallat) einstimmig eine Entschließung, mit der die Bundesregierung aufgefordert wird, integrative Schulversuche zu ermöglichen.

Grundsatzerlaß

Am 2. Mai 1986 tritt der Grundsatzerlaß »Körperbehinderte oder sinnesbehinderte Kinder im Schulwesen Österreichs« in Kraft.
In diesem Erlass werden integrierte behinderte Kinder nicht nur geduldet, sondern ihre Aufnahme in die Regelschule erstmals auch befürwortet.

Konzept zur »Schule ohne Aussonderung«

Voller Euphorie vom zweiten Integrationssymposium kommend, vertrete ich die dort gehörten Thesen und Erfahrungsberichte im Sozialistischen Lehrerverein (ZV) in Wien. Einige Lehrerinnen fühlen sich angesprochen und daraus entsteht eine interne Arbeitsgruppe von interessierten, engagierten Kolleginnen und mir, die ein Konzept erarbeiten. Annemarie Doubek, Direktorin einer Sonderschule für körperbehinderte Kinder in Wien, und ich stellen das Konzept sowohl den Kollegen und Kolleginnen des Lehrervereines als auch dem Leitungsgremium des ZV im Frühling 1986 vor.
Das Integrations-Konzept, das 2 verschiedene Modelle beinhaltet, findet keinen Anklang und so verschwindet es wieder in der Schublade. Die Initiativgruppe innerhalb des ZV geht frustriert auseinander...

Probleme in Oberwart (Burgenland) und Weißenbach (Tirol)

In Oberwart soll im Schuljahr 1986/87 wieder eine »neue« Integrationsklasse begonnen werden. Die 15 Kinder stehen aber am ersten Schultag vor der Schule, weil es für sie kein Klassenzimmer gibt! Angeblicher Grund: Kein Geld!
Nachdem die Eltern damit drohen, vor dem Schulgebäude ein Zelt aufzustellen und die Presse massiv einzuschalten, findet die zuständige Behörde doch noch einen Raum in einer ehemaligen Kindergartenschule.
In Weißenbach (Tirol) wollen die beiden Lehrerinnen, die in der ersten Klasse die Kinder unterrichtet haben, wegen inhaltlicher Differenzen den Schulversuch nicht mehr weiterführen.
Eine Volksschullehrerin ist bald gefunden, aber keine Sonderschullehrerin. Nach langwieriger intensiver Suche erklärt sich eine junge Wiener Sonderschullehrerin bereit, in das Projekt einzusteigen. Die Tiroler Schulbehörden wollen diese Lösung nicht akzeptieren. Wiederum retten die Medien die Situation, nachdem sie von den engagierten Eltern informiert worden sind.

Vereinsgründung in Wien

Nach eineinhalb Jahren ihres Bestehens entschließt sich die Wiener Initiativgruppe im September 1986 zur Gründung eines Vereines mit der Bezeichnung »Gemeinsam leben - gemeinsam lernen« - Arbeitsgemeinschaft für Integration.
Der Zweck dieses Vereins geht aus dem Paragraph 2 der Vereinsstatuten hervor:
»Der Verein tritt für den Verzicht auf Aussonderung Behinderter ein. Dadurch sollen die Gleichstellung und das Zusammenleben Behinderter mit allen Bürgern des Landes erreicht werden, vor allem im Erziehungs- und Bildungsbereich. Die Tätigkeit des Vereins ist nicht auf Gewinn gerichtet und dient ausschließlich gemeinnützigen Zwecken«.

Arbeitsgruppe im BMUK

Unterrichtsminister Dr. Moritz sagt die Installierung einer Ministeriumsarbeitsgruppe zu. Die Initiativen planen Strategien und entsenden ihre Vertreter. Da die Mehrheit in diesem Arbeitskreis aber aus Integrationsskeptikern besteht, sind die Diskussionen sehr anstrengend und mühsam.
Diese Arbeitsgruppe tagt seit November 1986 bis heute drei bis viermal jährlich.

Koalitionsvereinbarungen SPÖ-ÖVP

Im Arbeitsübereinkommen zwischen den Koalitionspartnern werden für die neue Legislaturperiode integrative Maßnahmen in Aussicht gestellt (Jänner 1987):
»Neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Folge sollen benachteiligte Kinder soweit wie möglich in der Normalschule integriert werden. Schulversuche auf diesem Gebiet sind konsequent weiterzuentwickeln und auf alle Teile des Bundesgebietes auszudehnen. Die Umsetzung der dabei gewonnen Erfahrungen in das Regelschulwesen wird nach Maßgabe der staatsfinanziellen Möglichkeiten energisch angestrebt. Bestimmte Formen der Behinderungen werden es aber auch in Zukunft erfordern, Kinder in Sonderschulen, auch in der Allgemeinbildenden Sonderschule, bestmöglich zu fördern.«
Diese Absichtserklärung wird allgemein als positives Signal für die Realisierung schulischer Integration angesehen.

Vorschlag für 11. SchOG-Novelle

Die Wiener Elterninitiative fordert im April 1987 Frau Minister Dr. Hawlicek im Namen aller österreichischen Initiativen auf, in die 11. SchOG-Novelle den gesetzlichen Auftrag für integrative Schulversuche aufzunehmen. Ein detaillierter Vorschlag wird beigelegt.

Stellungnahme der Universität Innsbruck

Erstmals engagiert sich eine österreichische Universität für die gemeinsame Erziehung behinderter und nichtbehinderter Kinder. Das Institut für Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck (Univ. Prof. Mag. Dr. Ilsedore Wieser, Institutsvorstand) gibt eine sehr positive Stellungnahme zur Integration von behinderten und nichtbehinderten Kindern ab.

Integrationsklasse (neue Modellbeschreibung)

Der Wiener Stadtschulrat reicht beim BMUK eine neue Modellbeschreibung ein, die jener der Elterninitiativen schon ähnlicher ist.

Diskussion der 10. SchOG-Novelle

Im Juni 1987 diskutiert der Nationalrat über die 10. SchOG-Novelle. Es ist interessant, hinter die Kulissen des Parlaments zu blicken und die Integrationsdiskussion auch auf dieser Ebene zu verfolgen.
Bei der Abstimmung wird die 10. SchOG-Novelle mit der SPÖ-ÖVP-FPÖ Mehrheit angenommen.
Der von den Freiheitlichen unterstützte Zusatzantrag der Grünen, betreffend Integration behinderter Kinder, wird ebenso abgelehnt, wie der von den Grünen unterstützte Antrag der Freiheitlichen über koedukative Werkerziehung.

Integrationsberatungsstelle

Im Jänner 1988 wird eine Integrationsberatungsstelle des Wiener Stadtschulrates eingerichtet. Das Büro befindet sich in den Räumen des Magistratischen Bezirksamtes in Wien 15, Gasgasse 8-10 (Sonderschulinspektorat). Damit wird eine Forderung von Eltern und Lehrern erfüllt und eine Koordinationsstelle für die Kooperation aller Beteiligten geschaffen.

Integration bringt höheres Leistungsniveau

Die Schulpsychologie bestätigt die Vorteile, die Integrationsklassen auch leistungsmäßig haben:
»Jetzt haben sie's schriftlich, die Kalsdorfer Integrierer: Ihre integrativen Klassen hätten dank des hervorragend differenzierten Unterrichts für behinderte wie nichtbehinderte Kinder bessere Ergebnisse gebracht. Das attestiert der Grazer Schulpsychologe Harald Aigner im Rahmen eines ausführlichen Berichtes der Kalsdorfer Volksschule. Aigner wörtlich: «In den Integrationsklassen konnten die wesentlichen Ziele 'soziales Lernen' und 'schulische Leistung' so miteinander verknüpft werden, dass ein hohes Maß an Zufriedenheit für alle am Versuch Beteiligten besteht.»
Gründe für den außerordentlichen Erfolg ortet der Schulpsychologe in der Einstellung, dem Engagement und der Kompetenz von Lehrern und Eltern, sowie in der Klassenschülerzahl von maximal 20 Kindern mit höchstens vier behinderten Kindern. Enges Zusammenwirken von Volksschul- und Sonderschullehrer und individuell variierte Unterrichtsgestaltung, je nach Bedürfnissen der Kinder, sei wesentliches Erfolgskriterium.
Die Integrationsklassen hätten zwar den lernmäßigen «Abstand» zwischen behinderten und nichtbehinderten Kindern nicht verringert, jedoch insgesamt zu einem höheren Leistungsniveau im Vergleich zur üblichen (ausgesonderten) Schulsituation geführt. Vor allem die Unterstellung, dass sich die Ausrichtung des Unterrichts auf die Bedürfnisse der behinderten Kinder zuungunsten der nichtbehinderten Kinder auswirken würde, muss eindeutig zurückgewiesen werden.« (?b:i? 1/1988)

Entwurf eines Rahmenkonzeptes

Im März 1988 verschickt das Unterrichtsministerium den Entwurf eines Rahmenkonzeptes für integrative Schulversuche an die Initiativgruppen. Diese nehmen dazu Stellung und im April findet eine Sitzung im Ministerium statt, in der der vorgelegte Entwurf Satz für Satz verhandelt wird. Die Vertreter der Initiativen sind für diese wichtige Sitzung gut vorbereitet, und das Ergebnis ist im Sinne der Integrationsbewegung im großen und ganzen zufriedenstellend.
Ein strittiger Punkt ist die Begrenzung der Schulversuche auf 5% der Sonderschulklassen. Dies sei unlogisch, argumentieren die Initiativen, da die Versuche ja nicht an Sonderschulen durchgeführt werden, und verlangen ein Umlegen der 5% Klausel auf die bestehenden Klassen an VS, HS und AHS.

11. SchOG-Novelle

Am 30. Juni 1988 wird die 11. SchOG-Novelle im Bundesgesetzblatt publiziert. Ab nun dürfen integrative Schulversuche offiziell durchgeführt werden. Was im europäischen Ausland - Italien, Skandinavien und in Teilen Deutschlands - schon längst die Regel ist, darf nun auch in Österreich erprobt werden.
Die im Konzeptentwurf angesprochene 5% Klausel wurde auf 10% der Sonderschulklassen des betreffenden Bundeslandes erhöht. Der Pferdefuß an dieser Beschränkung aber ist: Je mehr Kinder in die Regelschule integriert werden, desto weniger Sonderschulklassen gibt es. Je weniger Sonderschulklassen es jedoch gibt, desto weniger Integrationsklassen können auf Grund der 10% Klausel eingerichtet werden.
Hier beißt sich die Katze selbst in den Schwanz. Durch die unsinnige Regelung wird die 10% Marke bald erreicht und blockiert somit weitere Versuchsstandorte.

Sozialintegrative Mittelschule

Ein Arbeitskreis von ISI hat sich fast 2 Jahre mit der Erstellung eines Modells für die Sekundarstufe I beschäftigt. Im Sommer 1988 erscheint es unter der Bezeichnung »Rahmenplan für einen Schulversuch Sozialintegrative Mittelschule«.

Zentrum für integrative Betreuung (ZIB) / Steiermark

Nach einem Beschluss der steirischen Landesregierung wird das »Zentrum für integrative Betreuung« gegründet. Zu seinen Aufgaben gehört die Betreuung der sozialintegrativen Schulversuche in der Steiermark, die Organisation der Integrationslehrerfortbildung im Rahmen des Pädagogischen Institutes, die Beratung von Lehrern, Eltern und Behörden hinsichtlich Organisation und Pädagogik sozialintegrativer Schulversuche, Entwicklungsarbeit zu den Bereichen Didaktik, Materialbörse, Dokumentation, Evaluation (in Zusammenarbeit mit dem Schulversuchszentrum).

Forderungen an den Nationalrat

Die Elterninitiativen sind vor allem damit unzufrieden, dass es oft noch von der »Gnade« der jeweiligen Schulbehörde abhängt, ob für ihr behindertes Kind ein integrativer Unterricht ermöglicht wird. Hinderlich dabei ist auch die bereits erwähnte Beschränkung der Schulversuche auf 10%.
Gefordert wird: Integration als Recht, nicht als Gnade!
Eine diesbezügliche Petition wird den Klubobmännern der im Parlament vertretenen Parteien im Februar 1991 überreicht.

Gründung des Wiener Integrationsbüros

Am 1. April 1992 ist es soweit: Nach langwierigen Überlegungen und heftigen Debatten wird das Integrationsbüro geboren: »Mit dem Büro sind wir jetzt schon lange genug schwanger gegangen!« (Helene Pumm, Obfrau)
Die Räumlichkeiten befinden sich unter einem Dach mit der »ARGE Rehab« und dem »ÖZIV«(österreichischer Zivilinvalidenverband) im 20. Wiener Gemeindebezirk, Brigittenauer Lände 42/10. Unterstützung kommt auch von der Lebenshilfe und dem Landesarbeitsamt, das die 3 Mitarbeiterinnen über die Aktion 8000 finanziert. Nach dreimaliger Umsiedelung befindet sich das Büro jetzt im 15. Bezirk, Wurbachgasse 20.

Integrationsklassen an AHS-Unterstufen

»Im Herbst 1992 werden erstmals zwei Volksschulklassen ihre integrative Karriere an einer AHS-Mittelstufe fortsetzen, eine in Wien, eine in Bruck an der Mur. 'Wir haben das Gesetz gebogen', hatte Scholten schon zuvor einer Elterngruppe erklärt, die sich um den Schulversuch mühte. 'Das Gesetz' ist in dieser Frage nicht einfach; Gegner der AHS-Integration hatten sich auf die erläuternden Bemerkungen zu den Schulversuchen berufen, die auf die Pflichtschule bezug nehmen.
Zustande kam schließlich, was jetzt 'integrativ-kooperative Klasse' genannt wird. Im Kern entspricht der neue Schulversuch jedoch den bestehenden Hauptschulversuchen: kleinere Klassenschülerzahl, maximal vier behinderte Kinder in der Klasse, Unterstützung des Lehrerteams durch einen Sonderschullehrer.
Wie schon bei vielen Versuchen zuvor, ging der Einrichtung dieser Klassen ein heftiges Gerangel zwischen Befürwortern und Gegnern voraus. In Wien scheiterte 1991 eine AHS im 20. Gemeindebezirk an den Widerständen 'der Kollegen'. Direktor, Eltern und eine Handvoll Lehrer, die für die Klasse ausreichend waren, mussten vor dem Dienststellenausschuss kapitulieren, der den Schulversuch ablehnte. Hauptvorsorge: Man könne Kollegen im Falle von Supplierungen nicht zumuten, die integrative Klasse stundenweise zu übernehmen.
Ähnliche Äußerungen lieferte die Personalvertretung an der AHS Schmelz in Wien, die den Schulversuch einrichten wollte. 40 Lehrer, also weit mehr als für die Klasse selbst benötigt werden, sprachen sich für den Schulversuch aus, gestützt von ihrer Direktorin und dem Wiener Stadtschulrat. Aber 60 waren dagegen und führten im Dienststellenausschuss eine ablehnende Stellungnahme herbei.
Dennoch setzte sich der Ende Juni in den Ruhestand gehende Wiener Stadtschulratspräsident SP-Schulsprecher Hans Matzenauer durch. Da für die Einrichtung des Schulversuchs der Dienststellenausschuss nicht verbindlich ist, entschied er nach der Übergangszeit nach den Wiener Gemeinderatswahlen - vor Konstituierung des neuen Stadtschulrats-Kollegium - für den Schulversuch. Das Ministerium folgte dem Willen von Eltern und Stadtschulrat und lieferte die notwendige Rechtskonstruktion.« (Spudich)

Evaluation der Schulversuche

Eine empirische Untersuchung der verschiedenen Integrationsmodelle wird gegen Ende des Schuljahres 1990/91 am Zentrum für Schulversuche und Schulentwicklung Abt. II Klagenfurt von Dr. Specht durchgeführt. Verglichen werden Klein/Förderklasse, Integrative Klasse, Stützlehrer und Kooperative Klasse:

Über fast alle Dimensionen hinweg zeichnen LehrerInnen aus Integrativen Klassen deutlich die positivste Erfolgsbilanz ihrer pädagogischen Tätigkeit im Sinne integrativer Zielsetzungen:
Sie sehen die Prinzipien der Förderung aller SchülerInnen (der behinderten wie auch der nichtbehinderten) in ihren Klassen am besten verwirklicht.
Es gelingt ihnen besser als den LehrerInnen in anderen Modellen, in ihren Klassen ein pädagogisch reichhaltiges und sozial-integratives Klima herzustellen.
Schließlich schätzen sie die Erfolge im Bereich der LehrerInnenkooperation und der flexiblen inneren Unterrichtsdifferenzierung deutlich höher ein als ihre KollegInnen in den anderen Modellen.
Deutlich weniger positiv in allen diesen Aspekten sind die Erfolgseinschätzungen der LehrerInnen an Klassen, die nach dem StützlehrerInnenmodell arbeiten. Auf der anderen Seite ist die Erfolgsbilanz aus der Sicht dieser LehrerInnen zumeist erkennbar positiver als jene in den Kleinklassen und den kooperativen Klassen. Das StützlehrerInnenmodell nimmt hier eine Art Mittelstellung ein.
LehrerInnen, die im Modell Kleinklasse bzw. Kooperative Klasse unterrichten, sind bei den meisten Dimensionen am zurückhaltendsten, was die Einschätzung eigener Erfolge im Bereich der pädagogischen Qualität im allgemeinen und im Bereich der Integration im besonderen angeht. Unterschiede zwischen diesen beiden Modellen finden sich vor allem im Bereich der LehrerInnenkooperation, die in den Kleinklassen besonders problematisch zu sein scheint.

Diese Daten sowie ergänzende Ergebnisse zu anderen Fragebereichen legen nahe, in der Modellvariante ''Integrative Klasse'', wie sie derzeit in Österreich überwiegend praktiziert wird (KlassenschülerInnenzahl ca. 20, 3-5 behinderte Kinder, zusätzliche sonderpädagogische Betreuung in den meisten Schulstunden), jenen organisatorischen Rahmen zu sehen, in dem ein pädagogisch wertvoller und für die Kinder motivierender Unterricht sowie ein integratives Klima in der Lerngruppe am zuverlässigsten herstellbar ist. Diese auch ökonomisch besonders aufwendige Organisationsform scheint vergleichsweise am robustesten gegenüber Störungen und Problemen zu sein, wie sie in integrativen schulischen Settings auftreten können. (Specht)

Grundsatzerklärung von Minister Scholten

In der Wochenendausgabe vom 13. und 14. Juni 1992 bringt die Tageszeitung »DER STANDARD« eine Grundsatzerklärung von Unterrichtsminister Dr. Rudolf Scholten. Darin kommt seine positive Einstellung zum Thema Integration sehr gut zum Ausdruck.

Vorschlag für Gesetzesentwurf

Die Eltern-Initiativen formulieren im September 1992 elf Kernpunkte zur Übernahme des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nichtbehinderten Kindern und Jugendlichen in das Regelschulsystem.

Sternfahrt

Am 3. Oktober 1992 wird von allen Integrationsinitiativen in Österreich eine Sternfahrt nach Wien unternommen. Das Motto lautet: Gesetz statt Gnade! Anlass ist, auf die bevorstehende gesetzliche Regelung für den gemeinsamen Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kinder positiv einzuwirken bzw. Druck zu machen, da der Schulversuch im Juni 1993 ausläuft.
Neben einem Kultur- und Unterhaltungsprogramm gibt es ein Round-Table-Gespräch mit Politiker/innen. Es diskutieren unter der Leitung von Helmut Spudich (PROFIL): Petrovic (GRÜNE), Schwarz-Klement (FPÖ), Rauch-Kallat (ÖVP) und Scholten (SPÖ). Bis auf die Vertreterin der FPÖ - die eine sehr unklare Position einnimmt - plädieren alle anderen für Integration. Anschließend gibt es eine Kinder-Pressekonferenz, die von den Kindern selbst durchgeführt wird. Sie können den Schulpolitikern das Unverständnis klagen, auf das sie bei ihnen oft stoßen und das ihnen auch von der Schulbürokratie des öfteren entgegengebracht wird.
Sogar Bundespräsident Dr. Klestil kommt, um seine Solidarität zu bekunden. Er lässt sich von der guten Stimmung anstecken und spricht sehr persönliche Worte, die viel Applaus ernten, ohne seine vorbereitete Rede zu halten.

Petitionsübergabe

Am 1. Dezember 1992 überreichen im Parlament die Vertreter der Elterninitiativen gemeinsam mit Kindern und Lehrern einer Wiener Integratiosklasse die Petition: »Zur Wahrung der Menschenrechte von Familien mit behinderten Kindern«.
Die über 60.000 Unterzeichner bekennen sich zu folgender Erklärung (Resolutionstext):
»Wir unterstützen die Forderung von Eltern behinderter Kinder nach einem gesetzlich verankerten Recht für behinderte Kinder und Jugendliche, ohne Aussonderung in die allgemeinen Kindergärten, in die Regelschule (Volksschule, Hauptschule, AHS) und in die berufsbildenden Schulen aufgenommen zu werden. Dies soll ungeachtet des Ursprungs, der Art und Schwere der Benachteiligung oder Behinderung des behinderten Kindes oder Jugendlichen erfolgen. Die notwendigen gesetzlichen und strukturellen Vorausstzungen zur Verwirklichung dieses Rechtes sind zu schaffen.«
An der Überreichung der Petition nehmen neben dem Präsidenten des Nationalrates Dr. Heinz Fischer und der dritten Präsidentin Dr. Heide Schmidt die Vertreter und Vertreterinnen aller vier Parlamentsparteien teil. Sie versprechen das Anliegen zu unterstützen und unterzeichnen, als Akt der Solidarität, ebenfalls die Petition.

Hearing im Parlament

Am 17. März 1993 findet im Parlament ein »Hearing« über die Petition - »Zur Wahrung der Menschenrechte von Familien mit behinderten Kindern« - statt. Diese Sitzung erfolgt unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Vertreter der Elterninitiativen und deren Experten sind eingeladen, Minister Scholten, den Schulsprechern aller Parteien und den Abgeordneten des Petitionsausschusses ihre Forderungen und Konzepte darzulegen.
Um dem Wunsch nach einem »guten Integrationsgesetz« Nachdruck zu verleihen, findet zur selben Zeit vor dem Parlament eine Mahnwache statt. Obwohl der Präsident des Wiener Stadtschulrates Dr. Scholz den Schülern die Teilnahme während der Unterrichtszeit untersagt, kommt er, um seine Solidarität zu bezeugen.
Der Petitionsausschuss leitet in der Folge die Forderungen an den Unterrichtsausschuss weiter. Diesem wird empfohlen, die Forderungen der »Bürgerinitiative« anzuhören und bei den Verhandlungen über die 15. SchOG-Novelle zu berücksichtigen.

Entwurf der 15. Schulorganisationsgesetz-Novelle

Im Mai 1993 wird der Entwurf des Bundesgesetzes zur Änderung des Schulpflichtgesetzes, des Schulorganisationsgesetzes, des Schulunterrichtsgesetzes und des Pflichtschulerhaltungs-Grundsatzgesetzes zur Begutachtung ausgesandt.
Öffentliche Organe, Gebietskörperschaften, Gewerkschaft, Kirche, Familienverbände etc. haben die Möglichkeit, dazu Stellung zu nehmen. Auch die Elterninitiativen formulieren ihre Kritik.

Ministerratssitzung zur 15. SchOG-Novelle

Am 4. Mai 1993 wird die Gesetzesvorlage zur 15. SchOG-Novelle im Ministerrat mit einigen kleinen Änderungen abgesegnet. Hervorzuheben ist das große Engagement von Familienministerin Rauch-Kallat, welche noch eine Grundsatzbestimmung in den Entwurf hineinreklamiert.
Hier im vollen Wortlaut das Protokoll der Ministerratssitzung:
»Die Volksschule hat in den ersten vier Schulstufen (Grundschule) eine für alle Schüler gemeinsame Elementarbildung unter Berücksichtigung der sozialen Integration behinderter Kinder zu vermitteln.«

Protokollanmerkungen:
Der Bundesminister für Unterricht und Kunst erklärt sich bereit, für die Zeit bis zur Erlassung der Ausführungsgesetzgebung Rahmenrichtlinien zu schaffen, die die Bedingungen der bisherigen Schulversuche sicherstellen; insbesondere: Klassenschülerzahl 16 + 4 als Richtwert und Zweitlehrersystem.
Eine Novelle zum Landeslehrerdienstrechts-Gesetz, die die Bedingungen des Lehrereinsatzes in Integrationsklassen regelt, ist im Ausschuss einzubringen und gemeinsam mit den beiden Regierungsvorlagen zu verhandeln.

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Unterrichtsausschuss

Den Elterninitiativen gelingt, was vor ihnen noch niemand geschafft hat: sie werden vom parlamentarischen Unterrichtsausschuss angehört.
Bei der Abstimmung wird am 24. Juni 1993 die Änderung des Schulpflichtgesetzes nach Ablehnung des diesbezüglichen Abänderungsantrages der Grünen mit SP-VP-Mehrheit angenommen.
Für die restlichen Punkte zum Thema Integration behinderter Kinder fasst der Ausschuss im Hinblick auf die schon bald geplante Verabschiedung einer weiteren SchOG-Novelle einhellig einen Vertagungsbeschluss.

Integrationsgesetz im Parlament

Jetzt ist es endlich so weit! Die 15. SchOG-Novelle wird am 7. und 8. Juli 1993 im Hohen Haus debattiert und beschlossen.
Bundesminister Dr. SCHOLTEN spricht von wesentlichen Impulsen, damit der Umgang mit behinderten Kindern nicht zu einem Sonderereignis, sondern zum Regelfall wird. Besonderes Lob spendet er den Elterninitiativen für ihr beeindruckendes Engagement in dieser Angelegenheit.
Der Ressortleiter geht davon aus, dass mit diesem Gesetz ein gesellschaftlicher Zustand beschrieben wird, der sicherlich Adaptierungen brauchen wird. Wichtig erscheint ihm, keine Traumvorstellungen, sondern einlösbare Erwartungen vermittelt zu haben.
Minister Scholten: »Ich bin nicht in die Knie vor den Elterninitiativen (Vorwurf von Schweitzer und Praxmarer - FPÖ), sondern auf die Knie gegangen und dazu bekenne ich mich!«

Integrationsgesetz im Bundesrat

Am 14. Juli 1993, in der 133. Sitzung des Bundesrates werden die Schulgesetze ebenfalls behandelt. Es erfolgt eine verfassungsmäßige Zustimmung und kein Einspruch.

Integration Österreich

Das erste Treffen der Elterninitiativen fand im Oktober 1977 in Graz statt, danach halb- und ab 1992 vierteljährlich. Zur besseren Koordination schließen sich die einzelnen Initiativgruppen im Oktober 1993 zu »Integration Österreich« - Elterninitiative für gemeinsames Leben behinderter und nichtbehinderter Menschen - zusammen.

Pro Sonderschule

Ende November 1995 finden österreichweit Personalvertretungswahlen für Lehrer statt. Hermann Helm, Vorsitzender der Fraktion AAB-FCG (Christliche Gewerkschafter), verteilt als Wahlwerbung ein Flugblatt in dem er u. a. behauptet, dass Integration Grenzen habe und schwer geistig behinderte Kinder die beste Förderung in der Allgemeinen Sonderschule erfahren würden.
Die Integrationsinitiativen meinen, dass hier Stimmenfang auf Kosten der Integration und zuungunsten behinderter Kinder betrieben würde. Es kam in der Folge zu scharfen Protesten und sogar zur Besetzung seines Wiener Büros!

17.SchOG-Novelle

Am 28. November 1996 wird mit den Stimmen der beiden Regierungsparteien SPÖ und ÖVP die 17. SchOG-Novelle beschlossen. Als wichtige Änderung wird Integration auch in der Sekundarstufe I (HS und Unterstufe AHS) ermöglicht. Dieses Thema wird nicht nur an Schulen und von den Fraktionen der Lehrergewerkschaften, sondern auch in den Medien heftig, meist aber stark verkürzt, verzerrt oder gar unreflektiert diskutiert.
Kritikpunkte der Befürworter sind, dass kein Rechtsanspruch auf Integration besteht und dass mindestens 5 (anstatt im Durchschnitt 4) Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in einer Klasse mit 25 (anstatt 20) Kindern sitzen sollen. Also eine eklatante Verschlechterung zum VS-Gesetz von 1993! Außerdem können ?Sonderpädagogische Zentren? (SPZ) weiterhin nur an Sonderschulen installiert werden. Das heißt, der Direktor der Sonderschule ist zugleich auch Leiter des SPZ - und somit auch zuständig für Integration. Ein klassischer Interessenskonflikt!

ABSCHLIESSENDE BEMERKUNGEN


Die Behinderten werden meist als Randgruppe abgestempelt, als zu vernachlässigbare Minderheit. Dass dem nicht so ist, beweist eine 1986 in Österreich durchgeführte Microcensus-Erhebung des Statistischen Zentralamtes (RIESS):
»Demnach gibt es in Österreich 1,5 Millionen Menschen, die körperliche oder geistige Beeinträchtigung aufweisen. An chronischen Krankheiten laborieren 1,2 Millionen Menschen, bewegungsbehindert sind 400.000, ebensoviele sind körperbehindert, 270.000 weisen eine schwerwiegende Sehbehinderung auf.«
Integration heißt nicht, dass Behinderungen geleugnet oder gar geheilt werden. Es werden auch keine Unterschiede aufgehoben und es wird nicht versucht, die behinderten Kinder den nichtbehinderten gleichzumachen. Behinderung kann man nicht abschaffen, man muss sie in ihrer Realität akzeptieren. Man muss sich der Behinderung stellen und lernen, damit umzugehen. Der Behinderte ebenso wie der Nichtbehinderte.
Der Leitspruch der Italienischen Integrationsbewegung heißt: »Tutti uguali, tutti diversi.« Das bedeutet: »Alle sind gleich, alle sind verschieden.«
Ich meine, man muss sehr kritisch mit dem Begriff Integration umgehen. Dazu der Semiotiker Jeff Bernard:
»Wenn der Name für die Bemühung selbst zu stehen beginnt, die Bemühung sich nicht fortsetzt bis zur letztlichen Erfüllung des Gedankens, dann verändert sich die Bedeutung, der Sinn beginnt sogar ins Gegenteil umzuschlagen und es werden Zustände festgeschrieben und als integrativ, normalisiert, offen, gemeinwesen-integriert und dergleichen mehr bezeichnet, die dies a priori nicht sind...«
»Doch dürfen kleine Schritte in Richtung Verbesserung nicht als die Lösung schlechthin veröffentlicht werden. ....Hier gilt es, einen Riegel vorzuschieben, der den Missbrauch der Worte möglichst verhindert und in Zukunft nicht mehr gestatten sollte, Integration in homöopathischer Verdünnung als Integration schlechthin auszugeben.«
Dazu gehören für mich verschieden Modelle (z.B. »Kooperative Klasse«), die als Integration »verkauft« werden, was meiner Meinung nach nicht stimmt. Dies kann bestenfalls ein erster Schritt in die richtige Richtung sein.
»Integration ist ein Prozess und kein Zustand, da alles Gesellschaftliche prozessual ist und 'Strukturen' nur der Querschnitt durch augenblickliche Zustände des Prozessualen sind. Der Prozess der Integration der Desintegrierten ist daher zugleich immer einer des sozialen Wandels, denn das, was wir 'Struktur' nennen, ändert sich hierbei zwangsläufig. Änderte sich nichts, dann wären wir auch der Integration nicht näher gekommen. Auch Integration ist - als Begriff - ein Konstrukt, und - als praktische Bemühung - ein gesellschaftliches Produkt, ein Produkt, das oft nicht nur zu erarbeiten, sondern zu erkämpfen ist.«

EPILOG


Die Präsentation meines Buches ?BehindertenIntegration - Geschichte eines Erfolges? durch den Präsidenten des Wiener Stadtschulrates Dr. Kurt Scholz ist genau auf den internationalen Frauentag gefallen. Eine zufällige Termingleichheit? Bedeutende Philosophen behaupten, dass nichts im Leben zufällig passiert, dass es somit keine Zufälle gibt. Was hat also der Frauentag mit Integration zu tun?
Kenner der Entwicklung der Integrationsbewegung wissen, dass diese sehr stark von Frauen getragen wurde und dies sicherlich auch in Zukunft so sein wird. Wer hat das erste österreichische Integrationskonzept entwickelt? Es geschah dies unter der Federführung von Gertraud Schleichert - einer Schulpsychologin - und Brigitte Leimstättner - einer Sonderschullehrerin. Wer gründete die Wiener Integrationsgruppe und wer führt sie heute? Wiederum zwei Frauen. Es sind dies: Renate Jung - früher selbst als Hauptschullehrerin tätig und Mutter eines behinderten Buben (der in der Zwischenzeit sogar die Teilmatura in Deutsch abgelegt hat) - und Christa Polster, Mutter eines Buben mit Down Syndrom, der durch die beiden Filme ?Mama lustig? und ?Muss lernen? (Regie Niki List) in der Integrationsszene lokale Berühmtheit erlangt hat. Wer trägt zu Hause die Hauptlast bei der Erziehung der Kinder - nicht nur der behinderten? Wiederum Frauen...

Wenn wir schon bei Würdigungen sind, möchte ich die Gedanken aber auch auf einen Mann lenken, der Wesentliches für die Integration beigetragen hat und dem ich auch mein Buch gewidmet habe: Es ist dies der leider viel zu früh verstorbene Dr. Karl Köppel: Volksschullehrer, Beratungslehrer, Psychologe, Professor für Sonderpädagogik, Mensch. So wie Renate Jung die Mutter der Wiener Integrationsbewegung ist - wie er sie einmal liebevoll bezeichnete - ist Karl Köppel ihr Vater. Ihm ist es zu verdanken, dass sich 1984 alle österreichischen Initiativen sammelten und deren Zusammenarbeit eingeleitet wurde. Er war ein Vordenker, der leider von vielen nicht verstanden wurde. Als Leiter der ministeriellen Arbeitsgruppe zur schulischen Integration hatte er sowohl das Vertrauen der Elternvertreter, wie auch das der Ministerialbeamten. Er betrachtete Integration auch aus philosophischer Sicht und stellte Querverbindungen zu anderen Bereichen her.
So schrieb er in einer Präambel für die ?Grundlinien für einen Schulversuch Sozialintegrative Schule?, also für unser Wiener Integrationskonzept:
»Integration ist der Versuch, das, was im Laufe der kulturellen Entwicklung voneinander getrennt wurde, wieder in einer Ganzheit zu vereinen, erkennend, dass alles von allem abhängt und alles mit allem in Beziehung steht.
Dies gilt nicht nur im sozialen Bereich, für die Alten, die Kranken, die Kinder, die Behinderten usw., sondern auch im seelischen und im geistigen Bereich für das weibliche und das männliche Prinzip, das Kognitive und das Emotionale usf.
Philosophisch gesehen, ist es die Tendenz, das Entweder-Oder des strengen Dualismus durch die Komplementarität einer polaren Sehweise zu ersetzen, mit dem Ziel, das, was ausgegrenzt war, anzunehmen und so erst zugänglich zu machen.
Anschaulich und beängstigend zugleich wird die mechanistische Auffassung der Welt in der Ausgrenzung der Natur. Nur indem wir sie als von uns getrennt auffassen, ist es überhaupt möglich, sie so auszubeuten und zu zerstören, wie das in den vergangenen Jahrhunderten geschehen ist. Langsam müssen wir begreifen, dass wir auch uns zugrunde richten, wenn wir sie zerstören.
Die Natur existiert nicht isoliert vom Menschen, genauso wenig wie der Behinderte isoliert vom Nichtbehinderten existiert. Die Aussonderung von bestimmten Gruppen von Menschen bedeutet automatisch eine existentielle Verarmung aller Menschen.
Mit diesen Überlegungen soll klar gemacht werden, dass die Einrichtung einer integrativen Modellklasse nicht bloß einer momentanen pädagogischen Mode entspringt, sondern einer existentiellen Notwendigkeit.
Aus diesen Gründen wird Integration viele Formen haben müssen.«
Dem ist nichts mehr hinzuzufügen...

LITERATUR


ANLANGER O., ?BehindertenIntegration - Geschichte eines Erfolges - Dokumentation?, schulheft 70/1993; J&V, ISBN Nr.: 3-224-1 9362-X

BERNHARD J., ?Normalisierung?; ?Integration?; ?Rehabilitation?; Ein Kampf um Zeichen und ihre Bedeutung, Behinderte 5/1989

BETRIFFT INTEGRATION (b:i), Zeitschrift der ?Elterninitiativen Schule ohne Aussonderung?; Wien

BUNGIS (Verein, Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam in Schulen), Tagungsbericht Schulischer Integrationsbestrebungen Bad Tatzmannsdorf; 1985

GRUBER H., Gemeinsamer Unterricht behinderter und nichtbehinderter Kinder in Österreich - ein Situationsbericht, Erziehung und Unterricht 5/1989

HARTMANN G., Separation und Integration als Beitrag zur Personalisation und Sozialisation bildungsauffälliger Schüler, Erziehung und Unterricht 1977

MANDL B., Schulintegration - Traum und Wirklichkeit, Mobil 4/1986

RIESS E., Zur Lage der behinderten Menschen in Österreich, Der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, Der Streit 39/40 1991

SPUDICH H., Miteinander 2/92

 
ZUR PERSON


Bild von Otto Anlanger Otto Anlanger wurde 1953 in Gmunden (O.Ö.) geboren. Er erlernte den Beruf eines Elektrikers und absolvierte die Ausbildung zum HTL-Maschinenbau-Ingenieur, bevor er sich nach einigen Arbeitsjahren als Techniker der Pädagogik zuwandte. Auf diesem Gebiet absolvierte er die Lehramtsprüfungen für Sonder- und Volksschulen, sowie mehrere Zusatzausbildungen.

Schon während seines Studiums an der Pädagogischen Akademie in Wien organisierte er Veranstaltungen zur schulischen Integration Benachteiligter, war Mitarbeiter der Studentenzeitschrift »SPECHT«, sowie Gründungsmitglied und Redakteur des Behindertenmagazins »LOS« und setzte sich in seinen Beiträgen für die Integration Behinderter ein. Außerdem war er Gründungsmitglied und langjähriger Mitarbeiter der »Aktion Gemeinsam Leben - Gemeinsam Lernen«.

In seinem Buch »Behindertenintegration - Geschichte eines Erfolges« zeigt er die historische Entwicklung der Integrationsentwicklung in Österreich auf. Als Integrationsbefürworter der ersten Stunde hat er diese Entwicklung von Anfang an mitverfolgt und teilweise auch mitgestaltet.

Otto Anlanger ist derzeit als Integrationslehrer an einer Polytechnischen Schule in Wien tätig.


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