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Artikel aus 2001

EIN LEBEN LANG LERNEN:
Zur Aktualität von Kreativitätsförderung und kultureller Bildung auf europäischer Ebene

THOMAS KÖHLER


Für welches Europa sollen diese Zeilen sprechen? Eines der Moderne oder der Tradition? Eines der Tradition und der Moderne? Eines, das Widersprüche aus der Vergangenheit ausnützt, um sich trotzdem - oder deswegen - für die Gegenwart und Zukunft neu zu definieren?

»Nicht was wir gestern waren,
sondern was wir morgen sein werden,
vereint uns zum Staat.
Die Nation ist ein tägliches Plebiszit.«
José Ortega y Gasset



Initial W
enn - so Ortega y Gasset - nicht länger das Vergangene, sondern das Gegenwärtige und Zukünftige bestimmend sein sollen für das Gemeinsame in Staat und Nation, welche Wege müssen dann zur Umsetzung dieses Ziels beschritten werden? Was heißt das allgemein und besonders für das Konstitutivste für Nation und Staat im lebenslangen Lernen, nämlich für das Bildungs- und Kulturwesen?

Um die Eckpunkte dieses neuen Koordinatensystems abzustecken, wurde zu Beginn der österreichischen Präsidentschaft in der Europäischen Union im Sommer 1998 u.a. die Konferenz »A Creative Culture« in Bregenz abgehalten. Folgetreffen fanden bzw. finden ein Jahr später auf nationaler Ebene in Salzburg und fortlaufend mit Italien statt

Ziel der Bregenzer Konferenz war es,

»  das Motto von Bundesministerin Gehrer »Bildung ist mehr« als ein »Appendix« der Beschäftigungspolitik auch auf europäischer Ebene zu deponieren und als lebensbegleitenden Prozess zu definieren,
»  die zum Teil divergierenden europäischen Bildungs- und Kultursysteme mit den absehbaren Chancen, aber auch Risiken des kommenden Jahrhunderts zu konfrontieren,
»  im Rahmen der »Kulturellen Bildung« bi- und multilaterale Konvergenzen aufzuzeigen
»  sowie konkrete Schritte zu deren Realisierung zu setzen.
»  Kurz zusammengefaßt waren deren Ergebnisse
»  ein Austausch von einschlägiger Good und Best practice nicht nur unter den Staaten der Europäischen Union, sondern auch mit den Teilnehmern aus den beitrittswerbenden Ländern Mitteloststeuropas,
»  die Betonung von Kultureller Bildung und Kreativitätsförderung im Zuge der Diskussion um die Neufassung der EU-Bildungs- und Kulturprogramme sowie als konstitutiver Teil lebensbegleitenden Lernens,
»  in struktureller Hinsicht die Errichtung eines in diesem Bereich tätige Organisationen zusammenfassenden Datennetzwerks
»  sowie in inhaltlicher Hinsicht die Initiierung eines kreativitätsfördernden Schulpartnerschaftsmodells zwischen Österreich und Italien als EU-Vertreter einer- und mittelosteuropäischen EU-beitrittwerbenden Staaten andererseits.

Das Datennetzwerk ist schon in Betrieb, das Schulpartnerschaftsmodell soll im Jahr 2002 starten.

Zurück zur anfangs gestellten Frage nach den neuen Koordinaten für ein Europa im Sinne des Ortega y Gasset:
In der Bildungspolitik, dem Zwilling der Kulturpolitik, befinden wir uns zwischen den »Rädern« zweier divergierender, wie ich glaube, statischer Auffassungen: Die eine definiert Bildung, wie am Beispiel des britischen Ministeriums für »Arbeit und Bildung« deutlich wird, als bloßes Anhängsel für Arbeit. Sie soll die Voraussetzung für »employability« schaffen.
Zweifellos, der Zusammenhang zwischen Ausbildung und Beschäftigung besteht. Werden aber die sich kurzfristig ständig wandelnden Bedingungen für »Employability« zur alleinigen Basis der Lehrpläne bzw. des Fächerkanons, kommt es mittelfristig zu einer Stärkung von

»  Ausbildung gegenüber Bildung,
»  des berufsbildenden Schulwesens zu Lasten des allgemeinbildenden,
»  der angeblich »praxisnäheren« naturwissenschaftlichen Gegenstände gegenüber den mutmaßlich »praxisferneren« geisteswissenschaftlichen
»  und einer sträflichen Schwächung der vermeintlich »unnützen« künstlerischen Fächer.

Geht man aber davon aus, dass die wichtigsten Grundlagen für die Anpassung an einen sich ständig verändernden Arbeitsmarkt und für lebenslanges Lernen letztlich die Schlüsselqualifikationen Kreativität, Innovation und Flexibilität sind, würden, stringent und konsequent gedacht, gerade die künstlerischen Fächer die besten Voraussetzungen für »Employability« schaffen. Die Unterordnung von Bildung unter Arbeit (mit allen beschriebenen Folgen) ist letztlich, glaube ich, also falsch, weil im wahrsten Sinn des Worts kontra-»produktiv«.
Demgegenüber steht der meiner Überzeugung nach ebenso irrige Ansatz, Bildung sei in erster Linie die Vermittlung des Respekts bzw. der Akzeptanz gegenüber Autorität und erst in zweiter Linie die von Wissen. Weniger der Dialog, geschweige denn der Diskurs zwischen Lehrer und Schüler stehe im Vordergrund, sondern der Vortrag.
Auch diese Sicht steht der Entfaltung der erwähnten und sowohl im öffentlichen als auch privaten Leben so wichtigen Schlüsselqualifikationen - v.a. der Kreativität - entgegen, weil sie letztlich auf unmündige Menschen abzielt. Gerade in der heutigen Informations- bzw. Kommunikationsgesellschaft, in der es ohnehin zuviel Passivität gibt, erscheinen aber Skepsis und Kritik gegenüber Autoritäten - ob an der Schule oder in den Medien - zur Bewahrung eines freiverantwortlichen Denkens und Handels sowie zur Bewältigung des totalitären »Glücksstress«, dem wir heute immer wieder ausgesetzt werden, dringend nötig.
Die Chance für das neue Koordinatensystem im Bereich der Kulturellen Bildung liegt folglich einerseits in der Verteidigung bzw. im Ausbau kreativitätsfördernder Gegenstände und Curricula (sei es an der Schule selbst oder in deren Kooperationen mit künstlerischen Einrichtungen) sowie andererseits in der Förderung des dialogischen, ja diskursiven Unterrichts, durch den beide Teilnehmer des Schulwesens ihre vielfältigen Begabungen dynamisch zu vertiefen lernen, Schüler und Lehrer.

Damit sind schon zwei wichtige Begriffe gefallen: »Kulturelle Bildung« und »Kreativitätsförderung«; der dritte ist »Kunst- und Kulturvermittlung«, wobei zwischen Kunst und Kultur unterscheiden ist:
»Kultur ist keine Kunst«, hat der ehemalige Rektor der Universität für Angewandte Kunst, Rudolf Burger, in seiner Inaugurationsrede ein bisschen provokant gesagt. Auch bei diesen beiden Begriffen - Kultur und Kunst - kommt der für die Bildungspolitik angesprochene Antagonismus zwischen Statik und Dynamik zum Ausdruck. Burger weiter: »In der Kunst kann die Gesellschaft die Verwirklichung ihrer Träume dulden, weil diese Verwirklichung nur Schein ist.« Ist die Kultur, könnte man fragen, dann das ausgeträumte Sein? Burgers Antwort - und hier tritt der Kontext zur ideologischen Diskussion, in der wir uns hier zwangsläufig bewegen und der wir nicht ausweichen sollten, in den Vordergrund:
»Die bürgerliche Synthese verlangte eine Einbettung der Kunst in die Kultur und deren Normen, die durch die Bindung des Schönen an das Wahre und Gute realisiert werden sollte. Temporalisiert und utopistisch gewendet galt dies auch für die marxistische Ästhetik: Als Ort des «Nichtidentischen» sollte das Kunstwerk Statthalterin einer besseren Welt sein, einen «Vorschein» von ihr vermitteln. Diese Bindung wird durch den Ästhetizismus der Moderne zerstört, womit die Loslösung der Kunst von ihrer sozialen, politischen, religiösen usw., insgesamt also von ihrer didaktischen, pädagogischen Aufgabe und ihre Verwandlung in das freie Spiel eines ästhetischen Subjekts einhergeht.«

Burger spricht also einerseits von der früheren Einbettung der Kunst in die Kultur - entweder als Bindung des Schönen an das Wahre und Gute oder als »Statthalterin« und »Vorschein« der »besseren« Zukunft - und andererseits von deren »Zerstörung« durch die Moderne in Form der »Loslösung« von allen Traditionen. Gleichzeitig betont er den Zusammenhang mit Didaktik und Pädagogik. Er wirft also Fragen auf, denen wir uns, die wir uns mit Kultureller Bildung, Kreativitätsförderung sowie Kunst- und Kulturvermittlung beschäftigen, - gerade in einem Prozess lebenslangen Lernens - permanent zu stellen haben.

Die frühere Präsidentin des Deutschen Bundestags, Rita Süssmuth, hat einmal gesagt:

»In einer so schnell sich wandelnden Welt kann nur bewahren, wer zu verändern bereit ist.
Wer nicht verändern will, wird auch das verlieren, was er bewahren möchte.«

Leisten wir uns also die Veränderung, wenn sie in diesem Sinn die Bedingung der Bewahrung von Werten ist und harren wir nicht aus. Bringen wir den Mut auf, täglich dazuzulernen, und öffnen wir unseren Blick für die weiten Dimensionen, die damit determiniert sind!


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