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Artikel aus 2002

Gewalt in der Schule (Round-Table-Gespräch Juni 2002)
Angst der Schüler - Angst der Lehrer
Verantwortlichkeit der Schule? (Zusammenfassung)

BRIGITTE BÜNKER (HG.)


Ausgehend vom Amoklauf eines Schülers in Erfurt und der intensiven medialen Reaktion darauf setzten sich Experten (PsychologInnen, AHS-LehrerInnen, PädagogInnen, Medienvertreter und Lehramtsstudierende) mit dem Phänomen der missbräuchlichen Macht- und Gewaltausübung in den Systemen Schule und Universität auseinander. Organisiert wurde dieser »Runde Tisch«, der am Institut für die schulpraktische Ausbildung an der Universität Wien stattgefunden hat, von der Zeitschrift »DIDAKTIK«.

Round-Table-Diskussion:


» Dr. Rotraud PERNER
(Juristin, Psychoanalytikerin, Gastprofessur an der Univ. Klagenfurt für Sexualtherapie. Allgemein beeidete u. zertifizierte Gerichtssachverständige für Formen des innerfamiliären Missbrauchs, Lehrveranstaltungen zur Gewaltprävention im Rahmen der pädagogisch-wissenschaftlichen Berufsvorbildung für Lehramtsstudierende der Universität Wien)
» Dr. Uta ROTHMAYR
(Psychotherapeutische Praxis, Lehrende an der Universität Wien und in den Universitätskliniken des AKH)
» Prof.Mag. Ursula MADL
(AHS-Lehrerin, Personalvertretung, Stellvertr. Vorsitzende im Fachausschuss)
» Prof.Mag. Brigitte SCHRÖDER
(AHS-Lehrerin, Supervisorin, Schulversuch zur Betreuung verhaltensauffälliger SchülerInnen, Beraterin für Organisationsentwicklung)
» Mag. Hubert HUBER
(Chef vom Dienst, KURIER)
» Univ.Prof. Mag.Dr.Bernd HACKL
(vormals AHS-Lehrer, Pädagoge, Leiter des Instituts f.d. schulprakt. Ausbildung
der Univ. Wien)
» Mitglieder des Instituts für die schulpraktische Ausbildung

Organisation und Moderation:


» Mag. Brigitte BÜNKER und Gerhard WAGNER
(Redaktion »DIDAKTIK«)



Initial I
mmer wieder werden aus der Praxis von Psychologen- und Psychotherapeuten krank machende Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ausgeliefertsein angesichts der durchaus herrschenden Willkür in den oben erwähnten Bildungsinstitutionen rückgemeldet. Es würde »Gewalt gelehrt« (Rotraud PERNER).
»... nicht nur Willkür bei der Beurteilung, sondern auch sexuelle Erpressung, Demütigungen. Das geht bis zu Vorlesungen, in denen frauenfeindliche Äußerungen fallen ...
In meiner Definition von Gewalt stütze ich mich auf die Definition von Johann Galtung: Gewalt ist jede Handlung gegen den Willen einer anderen Person, die deren Potenzial schädigt.« (Rotraud PERNER)

Wenn in der Schule Lehrer gegen Schüler oder Schüler gegen Lehrer gewalttätig sind, oder auch über die Schiene »Schulhierarchie« Gewalt ausgeübt wird, ist dies meist nur Insidern bekannt. Die Öffentlichkeit erfährt fast nie davon.
»Mit einer Gruppe von Burschen habe ich gesprochen: Wie steckt ihr das alles ein? Wieder durchfallen und wieder nicht bestehen, wie ertragt ihr das eigentlich? Sie haben geantwortet: Wissen Sie, wir sitzen am Abend in der Gruppe beisammen und überlegen uns, wie wir Lehrer umbringen könnten. Diese Fantasien helfen uns, damit fertig zu werden.« (Uta ROTHMAYR)

Gewaltsymposion, Teilnehmer/innen: Ursula Madl und Uta Rothmayr Thematisiert werden diese Problemsituationen erst, wenn tatsächlich etwas passiert Dann berichten die Medien in »ungeheuerer Vehemenz und -beispielhafter - Unmittelbarkeit« (Huber Huber, KURIER). Die Medien müssten sich hier ihrer großen Verantwortung bewusst werden. Allerdings ist diese Branche zunehmend schnelllebig geworden und nur wenige Journalisten reflektieren ihre Arbeit. Die Folge: die Bilder laden zur Nachahmung der so unmittelbar präsentierten Gewalt-Verhaltensmodelle ein.
»Es wird die Wirkung der laufenden Bilder auf die Engramme im Gehirn unterschätzt. Jede Erfahrung, die ich mache, führt ja zu einer Engrammation im Gehirn und je intensiver ich diese Erfahrung mache, desto fester sitzt das Modell. Dieser Prozess ist im Unbewussten. Denken Sie an sich selbst. Wenn Sie in eine neue Situation kommen, Sie verhalten sich so, wie sie ein Vor-Bild haben.« (Rotraud PERNER)

Erklärungsmuster für Gewalt durch missbräuchliche Machtausübung gibt es mancherlei. Wenn aber die Systeme Schule und Universität fast ausschließlich anhand von Defiziten selektieren, dann steckt in dieser Funktion immanente Gewalt:
»Wieviel seid ihr heuer? 18? Ja nächstes Jahr seid ihr nicht mehr soviel!«

Dies führt zu den kaum auflösbaren Widersprüchen im Professionsverständnis der Lehrenden, die den unmöglichen Spagat zwischen der Nähe des Lernbegleiters und Lebensberaters einerseits und der Distanz des wertenden Prüfers andererseits zu vollbringen haben. Unser Bildungssystem positioniert sich tendenziell auf Seiten der Selektion, der Distanz und der Anpassungsleistungen; das ist schon aufgrund seiner spezifisch gewachsenen Form der Organisiertheit und Dominanz der hierarchischen und disziplinierenden Organisationsformen so angelegt. Alternative Organisations- und Unterrichtsformen - Beispiel: Projektorganisation und Projektunterricht - finden nur am Rand Eingang in die alltäglichen Routinen und Verfahren institutionalisierter Lernprozesse. Dies erschwert den Ansatz zu einer Auflösung dieser Widersprüche.
»Die Schule ist nicht eingerichtet worden um junge Menschen pädagogisch zu betreuen. - eine Fiktion, der wir Pädagogen nachhängen. In Wahrheit hat der Staat die Schulen eingerichtet, weil er Untertanen braucht und die Wirtschaft tüchtige Arbeitnehmer ...
Der Lehrer wird sozusagen unschuldig schuldig. Er ist ein Exponent staatlicher Gewalt in einer Gewaltstruktur. Er muss Noten geben, er muss Leute rausselektieren und Kinder anpassen.«

»Ich kann aber nicht lernen, wenn ich nicht selber die Motivation habe. Bevor Kinder in die Schule kommen, lernen sie unendlich viel, sie haben ihre Ziele verfolgt ohne Schule und Noten, aber sie haben lauter Dinge gelernt, die sie später brauchen, auch in der Schule.« (Bernd HACKL)

Schule unterliegt den Vorgaben aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Engpässe scheinen es die schulischen Anpassungsleistungen zu sein, die wieder stärker in den Vordergrund treten. Obendrein wird das innerfamiliäre Beziehungsgeflecht, das auffangen und emotional stabilisieren könnte, zunehmend kraftlos.
»Die gesamte Pubertätsproblematik, wo die Kinder gegen die Eltern opponieren, schwierig werden, Grenzen suchen, austesten, ekelhaft sind, spielt sich heute größtenteils in der Schule ab. Ich habe 13-, 14-jährige gesehen, die in der Schule sitzen, die Haare vorn über den Kopf herunter, die Füße auf dem Tisch, der eine ist am Fenster gestanden und hat gerufen: Ich spring´ jetzt hinunter, was machen Sie denn? - Derart ist die Provokation für Lehrer.«
(Uta ROTHMAYR)

Einen Lösungsansatz sehen die Diskussionsteilnehmer in der vermehrten Einrichtung von Jugendzentren mit eigens ausgebildeten Ansprechpersonen, in geeigneten Modellen von Ganztagsschule oder in der qualifizierten Betreuung von Jugendlichen in den Schulhorten - die adäquaten baulichen, freizeitgestalterischen und versorgungstechnischen Gegebenheiten vorausgesetzt. Das herkömmliche Familienideal (die »Walt-Disney-Familie«) wollte niemand mehr so wirklich strapazieren.

WAS WIRD IN RICHTUNG EINER GEWALTFREIEREN, DEMOKRATISCHEREN, HUMANEREN SCHULE GETAN?


Abgesehen von den »Puffern«, die laut SCHUG bereits vorgesehen sind und die den Anpassungs- und Selektionsdruck mildern sollen, wie größtmögliche Transparenz in der Leistungsbeurteilung, differenzierte Leistungsbeschreibung, stärkere Einbeziehung der Eltern in die schulische Arbeit, Frühwarngespräche, Einspruchsrecht von Eltern und Schülern, seit September 2002 auch ein Schüler-Ombudsmann im Wiener Stadtschulrat, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, die in der Öffentlichkeit - weil zu wenig spektakulär - kaum bekannt sind, die aber an der schulischen Basis ganz wesentliche Hilfestellung und Entlastung anbieten.
»Es gibt an vielen Schulstandorten intensive Bemühungen so etwas wie einen Disziplinarrat zu installieren: Menschen setzen sich zusammen, die nicht über die Kinder richten wollen, sondern die so etwas wie eine Art Schlichtungsstelle sind und die Probleme nach Möglichkeit gemeinsam aufarbeiten.« (Ursula MADL)

An vielen Schulen werden gemeinsam mit Schülern, Eltern und Lehrern Verhaltensvereinbarungen ausgehandelt und »Schlichtungsstellen« eingerichtet, die die alten »Disziplinarkonferenzen« entbehrlich machen könnten.
An einigen Wiener BHS gibt es den erfolgreichen Ansatz, SchülerInnen als Mediatoren für Schüler auszubilden und einzusetzen. Manche AHS nehmen sozialpädagogische und psychologische Beratung (Coaching - und Supervisionsmodelle) von außen in Anspruch, was natürlich mit einem bestimmten Kostenrahmen verbunden ist.
Dagegen besteht seit bereits elf Jahren der »Schulversuch zur Integration von verhaltensauffälligen SchülerInnen an AHS«, der in der betreffenden Versuchs-Schule einen psychologisch ausgebildeten Mediator (eine systemisch und sozialpsychologisch ausgebildete Lehrkraft einer Fremdschule!) einsetzt. Hier wird in profunder Kenntnis der schulischen Gegebenheiten niederschwellig in unmittelbarer Nähe zum schulischen und familiären Geschehen die Möglichkeit der psychologischen Betreuung, Entlastung und Konfliktbearbeitung angeboten. Leider ist dieser Schulversuch zur Zeit nur an fünf Wiener AHS installiert. Er wurde mit Erfolg von der Universität evaluiert und stellt eine relativ kostengünstige Form der effizienten Unterstützungsarbeit »vor Ort« dar.
»Es kommen Schüler und Schülerinnen aller Altersgruppen von 10-18, es kommen Burschen, es kommen Mädchen, die das Bedürfnis haben, bestimmte Dinge anzusprechen. Manchen reicht ein kurzes Gespräch, eine Viertelstunde, 20 Minuten. Mit einigen arbeite ich kontinuierlich weiter - und: Ich arbeite immer vernetzt mit den betroffenen Lehrerinnen, mit den Eltern, vernetzt auch mit den geschiedenen Eltern, wenn es sein muss, und ich arbeite auch vernetzt im Klassenverband. Die Außenseiterproblematik ist beispielsweise nur zu lösen, wenn ich mit den anderen Schülern gemeinsam an dieses Thema herangehe.« (Brigitte SCHRÖDER)

Auch können Schulen in Wien seit nunmehr zwanzig Jahren an dem Projekt »Soziales Lernen« teilnehmen. In den Lehrerteams ganzer Klassen werden Teambildungsprozesse initiiert und professionell begleitet und ermöglichen so einen Lernprozess, der auf mehr Selbstkompetenz und Sozialkompetenz hinzielt. Dieser Lernprozess schließt einen Zuwachs an kommunikativer Kompetenz, Kritik- und Konfliktfähigkeit mit ein und erfasst natürlich auch die Schüler in den gemeinsam unterrichteten Klassen.

Als Mag. C.Wildner diese Initiativen vorstellt, wird ein weiteres Mal die Rolle der Medien diskutiert, die leider nur selten die positiven Beispiele aus der Schulrealität bringen (»good news are ....«). Hubert Huber vom KURIER erinnert daran, dass es sich beim Informationsfluss um einen Prozess des »Gebens und Nehmens« handelt. Die Medienverantwortlichen werden häufig zu wenig informiert. Vielleicht wäre es sinnvoll, den Diskurs zwischen Lehrern und Journalisten, der hier begonnen hat, auch in Zukunft weiterzuführen.
Gewaltsymposion, Teilnehmer/innen: Rotraud Perner, Frank Skreta, Brigitte Bünker, Christine Wildner, Brigitte Schröder, Bernd Hackl
Konsens herrscht unter allen Teilnehmerinnen der Diskussionsrunde darin, dass sich unter LehrerInnen und in der öffentlichen Meinung ein neues LehrerInnenbild durchzusetzen beginnt: Mit Lehrersein wird nicht mehr assoziiert »einsame/r Held/in« zu sein, allein vorne zu stehen, alles allein zu entscheiden und bewerkstelligen zu müssen. Langsam kehrt Teamgeist in die Schulen ein, die neu entstehenden horizontalen Kooperationsstrukturen entlasten in vielen Bereichen und schaffen zunehmend ein Klima des Miteinander statt des auf Konkurrenz ausgerichteten Einzelkämpferdaseins. Im neuen Verständnis von Schule als ?lernender Organisation? arbeiten viele LehrerInnen auch bewusst an sich selber, an ihrer kommunikativen und sozialen Kompetenz, bilden sich weiter und professionalisieren sich.
»In dieser ´lernenden Organisation´ sehe ich auch Lehrer, die keineswegs schematisch ´entweder- oder´ sind, entweder Coach, Sozialarbeiter oder Lehrer, sondern ich sehe Lehrer, die in der Lage sind, Lernprozesse zu begleiten, die beim Begleiten von Lernprozessen durchaus auch Reflexionsphasen einlegen gemeinsam mit den Lernenden, die in der Lage sind, mit ihren Schülern so etwas wie eine Feedbackkultur zu erarbeiten und die ganz klar offen legen, dass sie nicht Lernhelfer, oder Input-Geber sind, sondern dass sie auch Beurteilende sind. Aber nicht Beurteilende, die zum Schluss irgendein Produkt nach dem >>Friss-Vogel! oder Stirb!-Prinzip<< beurteilen, sondern in dieser Prozessbeurteilung auf diesen Zwischenstufen dem Schüler immer wieder rückmelden: Das hast du jetzt gut gemacht und die das eventuell sogar gemeinsam mit den anderen LehrerInnen tun«. (Brigitte SCHRÖDER)

 
ZUR PERSON


Bild von Brigitte Bünker Mag. Brigitte BÜNKER ist stv. Chefredakteurin und Fachbereichsredakteurin für den Schulbereich und die Lehrer/innenbildung in Wien.
Sie ist AHS-Lehrerin für Deutsch und Geschichte und war langjährige Mitarbeiterin an der Abteilung für LehrerInnenbildung und Professionalisierungsforschung des Instituts für Bildungswissenschaft (Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien); Lehrbeauftragte der Universität Wien für Fachdidaktik Geschichte


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Weitere geplante Themen bis 2013:
● »kompetenz-orientierte Standards«
● Schulreform
● Der Faktor Zeit (aus verschie- denen Blick- winkeln, Zeit im Unterricht, individuelle Lebenszeit, Lebensalter, historische Zeit, Zeit aus Sicht der Physik- didaktik, der Philosophie, individuelles Zeiterleben...)

Artikel werden gerne ange- nommen. Die Veröffentlichung bleibt der Redaktion und dem wissen- schaftlichen Beirat vor- behalten...
 
 
 
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